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Berliner Zahlenspiele 

 6. August 2020

von  Daniel Matissek

Die Berliner Großdemonstration vom vergangenen Samstag, pathetisch unter dem Titel „Tag der Freiheit“ angemeldet, hat eine leidenschaftliche öffentliche Debatte losgetreten, die entlang erbittert verfeindeter Frontlinien verläuft, zwischen der Netzöffentlichkeit und freien Medien einerseits, und den weitgehend staatsloyalen Organen der veröffentlichten Meinung andererseits.

Eigentlich ist ein unüberhörbarer gesellschaftliche Widerhall ja das, was öffentliche Kundgebungen und Protestversammlungen bezwecken wollen. Bezeichnenderweise jedoch wird diesmal  gar nicht über das eigentliche Thema der Demonstration gestritten – die Corona-Auflagen und die Auswirkungen der Pandemie auf die bürgerlichen Grundfreiheiten. Stattdessen dreht sich alles nur noch um die Frage: Wie viele sind denn nun eigentlich mitmarschiert?

Die Angaben oszillieren zwischen den Extrempositionen beider Lager: Hier die von Seiten der Teilnehmer und diversen, teilweise dubiosen „Widerstandsgruppen“ behaupteten, absurd übersetzten unrealistischen Phantasiezahlen von 800.000, einer Million oder gar 1,3 Millionen Demonstranten; dort die nicht minder erfundenen, zumal abenteuerlich kleingerechneten „offiziellen“ Zahlen der Berliner Polizei, die von 17.000 bis 22.000 Teilnehmern ausgeht.

Wie im echten Krieg bekanntlich das erste Opfer die Wahrheit ist, so ist es im Info-Krieg um Corona – der längst zu einer quasireligiösen Glaubensfrage mit gigantischem gesellschaftlichen Spaltungspotential mutiert ist – die Mathematik.. Beide Konfliktparteien bedienen sich hochmanipulativer Methoden und Übertreibungen – mit dem Ergebnis einer heillosen Desinformation und Verunsicherung der zunehmend ratlosen Bevölkerung. Die öffentlich-rechtlichen Medien sowie, in ihrem Kielwasser, regierungsfinanzierte sogenannte „Faktenchecker“ (die alle Posts und Presseartikel mit „zu hohen“ Teilnehmerzahlen als „Falschinformation“ flaggten und z.B. auf Facebook zensierten!) ziehen die behördlichen Angaben als einzige seriöse Basis heran, obwohl diese ebenfalls nur auf Schätzungen basieren.

Die „Tagesschau“ veröffentlichte Bilder der Straße des 17. Juni, zu denen inzwischen allerdings anhand meteorologischer Daten, Schattenwürfe und Sonnenstand mittlerweile nachgewiesen wurde, dass sie Stunden vor der eigentlichen Veranstaltung aufgenommen worden sein mussten. Andere Zeitungen berechneten anhand der Freiflächen und fotografierten Menschenmassen, dass die Vergleiche mit den Love-Parades der frühen Nullerjahre nicht stimmen konnten. Um dies zu wissen, hätte man allerdings auch die Verkehrssituation auf den Zufahrtsstraßen in und nach Berlin mit der damaligen Lage vergleichen können: Wären wirklich rund eine Million Menschen in der Hauptstadt gewesen, wären Straßen, Bahnhöfe und Beherbungsgewerbe aus allen Nähten geplatzt. Die Gegenseite wiederum versucht seit dem Wochenende durch unzählige Youtube-Videos mit teilweise offensichtlichen Zusammenschnitten wiederholter Szenen, geschönte Blickwinkel, „Zeugenaussagen“ und auch unter Verweis auf angeblich „geleakte“ Bestätigungen aus den Reihen der Polizei, ihre Mondzahlen zu belegen.

Beides ist nicht seriös, und die Wahrheit liegt mit Sicherheit irgendwo dazwischen vermutlich irgendwo im Bereich von 100.-200.000 Demonstranten. Eine durchaus respektable Menge, doch damit ist keine der in ihren verbohrten geistigen Schützengräben gefangenen Seiten zufrieden. Anscheinend wird der Erfolg oder Misserfolg einer Demonstration neuerdings alleine von der Anzahl ihrer Besucher abhängig gemacht. Interessanterweise lohnt hier ein Blick in die bundesdeutsche Geschichte: Schon einmal, zur Zeit der großen Friedensdemonstration nach dem NATO-Doppelbeschluss, hatte die ominöse Zahl „1,3 Millionen Teilnehmer“ für Furore gesorgt: 

Am 22.10.1983 demonstrierten – allerdings bundesweit – zufällig ebenfalls 1,3 Millionen Menschen gegen die Neustationierung von atomaren Kurz- und Mittelstreckenraketen in Europa. Damals bildeten jene den „Widerstand“, deren Erben heute den Staat im Würgegriff halten: Auf die Straße gingen Linke, Grüne, Vertreter der pazifistischen Zivilgesellschaft, während das damalige Establishment – die „Altparteien“ (übrigens inklusive der SPD) und die Mainstream-Medien – tendenziell eher argwöhnisch und kritisch gegenüber den auch damals schon zu Extremisten erklärten Demonstranten eingestellt waren. Und auch damals wurden, sehr zur Empörung der Aktivisten, in Polizeimeldungen die Teilnehmerzahlen heruntergeredet (so wie übrigens auch bei den Anti-AKW-Demos von Brokdorf, Wackersdorf oder Kalkar später). Viel geändert hat sich seither also nicht – nur dass die damaligen Rebellen als Vertreter des Linksstaats gegen die heutigen „Systemkritiker“ sogar noch unerbittlicher, noch manipulativer vorgehen. Die schärften Kritiker der Elche wurden schließlich selber welche.

Aus dem Blick verloren geht dabei leider, wofür da heute eigentlich protestiert wird: In erster Linie nämlich gegen die fatale, schleichende Tendenz, die Alltagsbeschränkungen von Maskenzwang bis Datenhinterlegungspflicht, von Zutrittsbeschränkungen bis Abstandsregeln zu einer neuen, dauerhaften Normalität werden zu lassen. Thema sind ebenfalls die noch gar nicht absehbaren katastrophalen sozialen, übrigens auch gesundheitlichen und vor allem wirtschaftlichen, Kollateralschäden der Anti-Pandemie-Maßnahmen. Die gesellschaftliche Diskussion über diese sich auftürmenden Jahrhundertprobleme ist nicht nur überfällig; es ist auch mehr als verstörend, dass sie bislang in Deutschland kaum geführt wird und hinter einer sklavischen, unkritischen Subordinationshaltung zurücksteht („wir halten uns an Regeln!“).

Und sie wird weiterhin unterdrückt. Damit dies so bleibt und unbequeme Fragen an die Regierung erst gar nicht überhand nehmen, wird einfach alles getan. Die Kritik muss stummgeschaltet werden – durch dieselbe Masche, mit der vor fünf Jahren bereits der sachliche demokratische Diskurs über die Flüchtlingspolitik vereitelt wurde: Rationale, differenzierte Stimmen werden überhöht und mit Parolen radikalen Spinnern vergesellschaftet, die Wortführer mit toxischen Extremisten in einen Topf geworfen und so pauschaldiffamiert. Die Mainstreammedien zeichnen das Zerrbild, dass in Berlin nur Verschwörungstheoretiker, Rechtspopulisten und fahrlässige „Corona-Leugner“ aufmarschiert seien. Und mit den genannten zahlenarithmetischen Tricks der offiziellen Seite soll der Anschein einer angeblich bedeutungslosen, bloßen Splittergruppe uneinsichtiger Elemente verstärkt werden.

Tatsächlich aber ging die übergroße Mehrheit der Demonstranten von Berlin wegen absolut legitimer Sorgen auf die Straße – und sie werden es vermutlich auch weiterhin tun. Hier riskierten parteiübergreifende Normalbürger den Schulterschluss: von der Pleite bedrohte Mittelständler mit ihrer Belegschaft; alleinerziehende berufstätige Mütter, die nach fünf Monaten Kitaschließung am Ende ihrer Kräfte sind; zugrunde schikanierte Einzelhändler und Gastronomen; vor allem aber Künstler und Angehörige der Veranstaltungsbranche, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Und auch eine Menge namhafter Bürgerrechtler, die vor wachsender Unfreiheit im Namen eines chronifizierenden Ausnahmezustandes warnen. Diese alle sind sicher keine „Covidioten“.

Und auch wenn sie sich so in der Nähe unappetitlicher und fürwahr durchgeknallter Kantonisten vom Schlage eines Attila Hildmann oder verirrter Querfront-Aktivisten begaben (auf die sich  natürlich die prompt die alleinige Aufmerksamkeit der framenden Skandalisierungsmedien richtete): Es ist mehr als unredlich, die Masse der Teilnehmer mit solchen bizarren Ausreißern gleichzusetzen. Hätte man derartige Maßstäbe je an „Fridays for Future“ oder „Black Lives Matter“ gelegt, wo militante Linksradikale und Verfassungsfeinde mitliefen, dann hätten all diese Demonstration sofort verboten werden müssen.

Übrigens: An die Abstandsregeln haben sich am Samstag – entgegen der inszenierten Abscheu über soviel „Rücksichtlosigkeit“ – die meisten der Demonstranten sehr wohl gehalten. Dies bestätigten paradoxerweise eben die bereits erwähnten „Faktenchecker“ auf Facebook und auf den Staatskanälen – nämlich durch ihre eigenen, kruden Rechenexempel, wonach sich auf den von Demonstranten bedeckten Straßenareal angeblich viel weniger Menschen aufgehalten haben müssen als von den Veranstaltern gezählt, da nämlich zwischen ihnen in Wahrheit erhebliche Abstände sichtbar gewesen seien; statt etwa pro Quadratmeter mit 1,5 Menschen zu kalkulieren, wäre es nur ein Fünftel. Damit jedoch fällt der Vorwurf in sich zusammen, die Kontaktregeln seien missachtet worden.

Und auch der Verzicht auf – im Freien ohnehin nicht vorgeschriebene – Maske war am Samstag in Berlin jedenfalls nicht ausgeprägter als bei den – damals von den Leitmedien ohne jede Empörung, ohne die Forderung nach künftigen Einschränkungen der Versammlungsfreiheit vermeldeten –  „BLM“-Demos vier Wochen zuvor. Mit dem Unterschied gleichwohl, dass diesmal die Demonstranten ja bewusst gegen den Maskenzwang aufbegehren wollten und es sich bei deren Weglassen folglich um eine quasi „politische“ Geste handelte.

So ernstzunehmend der Gegenstand der Proteste auch ist: Kritik an der Veranstaltung ist gleichwohl angebracht. Und zwar vor allem an der nur noch dilettantisch zu nennenden Organisation des Anmelders und seiner Helfer, durch die den Behörden und regierungsloyalen Multiplikatoren im Land eine willkommene Breitseite geliefert wurde. Veranstalter Michael Ballweg hatte beim Bezirk Tiergarten eine Demonstration mit 10.000 Personen angemeldet; er selbst jedoch hatte im Vorfeld sodann mit weitaus größeren Teilnehmerzahlen öffentlich geworben. Bei der Demo gab er sich dann „überwältigt“ über den gigantischen Zulauf, mit dem er selbst ja nachweislich gerechnet hatte – und feierte die angebliche Dimension der Veranstaltung (an der sich später der dann der Zahlenstreit entzündete) als Überraschung. Damit allerdings lieferte er erst den willkommenen Vorwand zur vorzeitigen Beendigung der Veranstaltung durch das Bezirksamt – und für die massiven Polizeieinsätze, als deren krönender Höhepunkt Ballweg schließlich selbst medienwirksam von der Bühne getragen werden musste. So etwas ist nicht seriös – und der Ernsthaftigkeit des Themas sicher nicht angemessen

Das durchaus notwendige Aufbegehren und Infragestellen all dessen, was uns die Politik unter der fatalen Carte blanche namens „Corona“ eingebrockt hat, bedarf kritischer Wortführer und einer glaubwürdigen Protestkultur, die sich zumindest in der Planung und Organisation unangreifbar macht. Was es ganz sicher nicht braucht, sind Märtyrer und Selbstdarsteller: Diese erweisen der „Bewegung“ nämlich einen veritablen Bärendienst.

Klartext von Daniel Matissek


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  • Hallo, Herr Matisse,
    im Großen und Ganzen stimme ich Ihrem Artikel zu, muss aber auch ein klein wenig zur „Zahlenspielerei“ beitragen. In seiner Rede am 20. Juni in Stuttgart informiert Michael Ballweg laut und deutlich darüber, dass er für den 1.8. in Berlin 500.000 Teilnehmer angemeldet hat. Deshalb finde ich es verständlich, dass er sich erstaunt darüber zeigte, dass offenbar noch mehr gekommen waren, zumal die Polizei die Busfahrer informiert hatte, dass der Buscorso nicht stattfinden kann, weil 800.000 Demonstranten unterwegs seien. Erwähnt sei noch, dass ich von keinem der Veranstalter vernommen habe, dass sie sich an der Zahlenjongliererei beteiligen würden.

  • Hallo, Herr Matissek,
    bin nicht ganz einverstanden mit Ihrer Beurteilung. Zum einen reiten Sie zu sehr auf die Anzahl der Teilnehmer herum, wer hat denn damit angefangen ? Doch wohl die Presse mit ihren unverschämten Lügen. Da muss man doch gegen angehen. Aber alle die Augén im Kopf haben, auch der Bürgermeister Müller von Berlin, konnte leicht erkennen, dass es weit mehr als 20.000 Teilnehmer waren.Sie haben den Veranstaltern den Erfolg geneidet und haben sich mit dem Abschalten des Stroms ein Eigentor geschossen. Die andere Sache ist: Was sollte Michael Ballweg denn anderes tun, als einzuwilligen, dass die Veranstaltung abgebrochen wird. Sollte er mit den Polizisten einen Streit anfangen ? Wo aber waren die Rechtsanwälte, die angekündigt waren. Die hätten eingreifen müssen und mit Anzeigen drohen müssen – aber leider war da nichts. Da war ich auch baff. Das muss am 29.08. besser funktionieren. Ansonsten war das mal eine Aktion, die bei Bürgern aufgefallen ist und sicher die Merkelbande aufgeschreckt hat. Die werden keinen Deut zurückweichen und nachdenken. Sie setzen auf Verleumdung und Sabotage . Umso mehr müssen wir friedlich demonstrieren und unsere Botschaft eindrucksvoll rüberbringen. Ich bin sicher, dass auch die Polizei sich mittlerweile Gedanken macht, ob das was sie befohlen bekommen, so richtig ist.

  • Lieber Wolfgang Disput,

    Sie fragen ernsthaft wer mit den Zahlenspielen angefangen hat und erwähnen nicht den Organisator der Demo vom 01.08.2020 wo er noch auf der Bühne (da war die Demo noch lange nicht abgesagt) die Zahl von 1,3 Mio. verkündete?.

    Schauen Sie sich die selbstgedrehten Videos von Querdenken711 und anderen Youtub-ern mal genau an. Da rennt ein anderer Youtub-er umher und verkündet jedem der es wissen möchte genau die selbe Zahl. Da haben die Medien noch lange keine Zahlen bekannt gegeben. Aber genau aus diesem Grund gab es hinterher diese Zahlenspielerein. Sprich: hätte der Organisator nicht selber so eine unsinnige Zahl genannt, dann wäre gar nicht darüber berichtet worden, sondern eher über die Inhalte dieser Demo.

    Mit freundlichem Gruß
    Ihr Tobi Schulze

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