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Das wählerische Virus 

 16. Juli 2020

von  Daniel Matissek

Wie gefährlich Corona ist und wann der nächste Ausbruch droht, hängt immer davon ab, wer gerade die Regeln bricht

Hoch waren die Wellen, die das erste post-pandemische geballte Auftreten deutscher Sommerurlauber auf Mallorca schlug: Weil weder im Flieger noch am Ballermann Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen eingehalten wurden, schäumten Virologen, Journalisten und Politiker in Deutschland vor Zorn über soviel Leichtsinn; die Rede war von einem „zweiten Ischgl“. Und drastisch waren die Folgen: Während die autonome Regionalregierung der Balearen prompt eine weitreichende Maskenpflicht selbst im Freien ankündigte, forderten hierzulande Corona-Hardliner die Einstufung der Inseln als „Risikogebiet“.

SPD-Gesundheitsexperte und Ober-Fürchtemacher Karl Lauterbach brachte gar eine Zwangstestung von Malle-Rückreisenden ins Gespräch, samt Quarantäne für Verdachtsfälle oder positiv Getestete. Wer in Pandemiezeiten Sommerurlaub macht, soll büßen. Lauterbach moserte auch über die seiner Meinung nach viel zu dicht besetzten Linien- und Charterflüge in Ferienhochburgen und forderte strikte Vereinzelung von Passagieren – ein Aspekt, der erstaunlicherweise überhaupt keine Rolle spielt bei aus sogenannter „Seenot“ geretteten Mittelmeer-Flüchtlingen, die in Deutschland inzwischen willkommener sind als hier heimische Urlaubsrückkehrer. Den Irrsinn auf sie Spitze treibt dabei die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen: Sie will die neuerdings Touristen, die im Urlaub ein Risikogebiet bereist haben, entweder für 14 Tage in Quarantäne schicken oder an den Kosten für einen Corona-Test beteiligen. „Die Menschen sollten sich sehr gut überlegen, ob sie wirklich in ein vom Robert-Koch-Institut ausgewiesenes Risikogebiet fahren“, droht NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU).

Es sind drastische Reaktionen, genauso wie die von der Bundesregierung verlangten Ausreiseverbote für von kritischen Neuinfektionswerten betroffene Landkreise, und sie muten zunehmend fragwürdiger an – erstrecht angesichts einer kaum mehr im Alltag spür- und greifbaren Bedrohung durch ein Virus, das für viele Deutsche seinen Schrecken verloren zu haben scheint. Ich maße mir selbst kein Urteil über die Gefährlichkeit von Corona an; ich finde es nach wie vor richtig, dass Deutschland konsequent gehandelt hat im März – und selbst wenn übers Ziel hinausgeschossen wurde, dann war dies der berechtigten Sorge um die Entwicklung des Infektionsgeschehens und um die endlichen Kapazitäten selbst des robusten deutschen Gesundheitswesens geschuldet.

Nicht richtig finde ich hingegen, dass – und zwar je mehr sich die Situation entspannt, umso pedantischer und hysterischer – an Maßnahmen festgehalten wird, die für die Abschwächung der Pandemie überhaupt nicht ursächlich waren – etwa der Maskenzwang – und dass von Medien und Politik eine Strategie der Panikmache betrieben wird, die längst unverhältnismäßig gewordene Freiheitsbeschränkungen auf unbestimmte Dauer weiterlegitimieren soll. Es wird weiterhin mit unseriösen und unwissenschaftlichen Methoden operiert, um die Bevölkerung auf Kurs zu halten: Indem man etwa als Corona-Tote weiterhin alle positiv Getesteten unter den Verblichenen zählt und nicht nur die ursächlich an Covid-19 Verstorbenen. Indem man uns Bilder aus dem Ausland zeigt, die mehr über das dort auch schon vor Corona marode Gesundheitssystem aussagen als über die Gefährlichkeit von Covid-19 selbst (im März war es Bergamo, im April die New York, und inzwischen ist man in Brasilien und Afrika angelangt) – während in Deutschlands Kliniken gähnende Leere herrscht und aktuell rund 300 Intensivbetten mit Coronapatienten belegt sind, nachdem über 50.000 kritische Krebsoperationen abgesagt worden waren. Und: indem völlig willkürlich definierte Schwellenwerte von „Neuinfektionen“, die sich durch die Anzahl der durchgeführten Tests beliebig steigern oder senken lassen, zur Grundlage etwaiger Komplett-Lockdowns gemacht werden.

Auch wenn man noch nicht an den größten gesundheitspolitischen Fehlalarm der Geschichte glauben will und Sars-CoV2 wohl schlichtweg auch noch zu wenig verstanden und erforscht ist, um zu einer abschließenden Risikobewertung zu gelangen – eine Kuriosität fällt doch ins Auge: Wie gefährlich Corona für die Allgemeinheit ist und wie dementsprechend verwerflich und rücksichtlos die sind, die die Vorsichtsmaßnahmen in den Wind schlagen – das hängt erstaunlicherweise davon ab, um welche Bevölkerungsgruppen es sich handelt und wo die Betreffenden im Meinungsspektrum verortet werden: Denn Corona steckt offenbar nicht jeden an. Das Virus ist entweder intelligenter als gedacht – oder es ist bereits zur politisch-differenziert wirksamen Biowaffe mutiert.
Wenn die deutsche Party- und Eventszene auf Mallorca dummdreist und sorglos feiert, ist der öffentliche Aufschrei vorprogrammiert. Doch wenn die „Party- und Eventszene“ mit Migrationshintergrund etwa in der Stuttgarter Innenstadt – ebenfalls ohne Abstand und Maske – Polizisten aufmischt, randaliert und vandalisiert, Geschäfte plündert und zu Allahu-Akbar-Rufen eine Orgie der Zerstörung feiert, dann ist Corona plötzlich das Letzte, was die Politik beschäftigt.

Als im Mai die „Hygiene-Demos“ und Kundgebungen von Gegnern der Grundrechtseinschränkungen stattfanden, gab man den Teilnehmern die Schuld am nächsten Ausbruch, schimpfte sie asozial und verantwortungslos und rief nach harten Repressionen. Fortan wurde ihnen die Schuld an jeder Neuinfektion gegeben. Und einige Wochen später, als bei den weltweiten „Black Lives Matter“-Krawallen beispielsweise in Berlin 50.000 Menschen dicht an dicht für Diversität und „schwarzes Leben“ die Straßen bevölkerten, da schien Corona nicht nur kein Thema mehr zu sein; mehr noch: Trotz noch so eklatanter Verstöße gegen Abstandsregeln wurden hier erstaunlicherweise weder Ausbrüche noch irgendwelche Infektionenslawinen vermeldet.

Auch in den USA ist das Virus offenkundig wählerisch: Keine Auswirkungen zeitigte es verblüffenderweise nach anarchistischen Ausschreitungen in etlichen Großstädten, nach den Protestaktionen Schulter an Schulter marschierender Antifa- und People-of-Color-Briganten, nach der mehrwöchigen Capitol-Hill-Kommunen-Walstatt in Seattle. Doch bei Donald Trump, Jair Bolsonaro und wesensverwandten, eingefleischten „Populisten“ entfaltet es natürlich sogleich all seinen Schrecken: Vergangene Woche, gut zwei Wochen nach Trumps Rede in Tulsa, erklärten deutsche Framingjournalisten unter Berufung auf ihre US-Kollegen, es sei just dieser Wahlkampfauftritt Trumps die Ursache für einen markanten Anstieg der dortigen Neuinfektionen gewesen (nota bene: es ging dabei um kaum 500 Fälle – in einem Ballungsraum von 2,2 Millionen Menschen).

Demütig lernen wir: Die deutsche Linke, politisch korrekte Demonstranten, Anti-Rassisten und Anti-Trump-Aktivisten, all die globalen Vertreter des selbstreklamierten „zivilgesellschaftlichen Engagements“, aber auch gewaltbereite „junge Männergruppen“ mit Migrationshintergrund – sie alle sind ganz offensichtlich immun gegen das Virus und verbreiten es auch nicht weiter. Hingegen sind Rechte, „Wirrköpfe“, „Leugner“, Trump-Anhänger und biodeutsche Feierwütige auf Mallorca auf jeden Fall Superspreader.

Daniel Matissek

Jg. 1972, ist freier Journalist, Publizist und Unternehmer. Seit 25 Jahren als freier Redakteur und Kolumnist für diverse Periodika, Tageszeitungen sowie als Autor für mehrere Online-Magazine tätig.


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