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Der 11. September im „Spiegel“ der Zeit 

 11. September 2020

von  Lukas Mihr

London im Jahr 2000. Eine Bombe explodiert, eine Panzerabwehrrakete schlägt in das Geheimdiensthauptquartier MI6 ein, ein Afghane entführt ein Passagierflugzeug.

Wer nun dreimal „Islam“ denkt, liegt dreimal falsch: Die Bombe wurde von der IRA gezündet, die Rakete vermutlich ebenfalls von der IRA abgefeuert und der Flugzeugentführer hatte nicht vor, Ungläubige zu töten, sondern wollte für seine Familie Asyl in Großbritannien erhalten. Dieser Umstand illustriert, wie sehr sich die Welt in den letzten 20 Jahren verändert hat. Seit dem 11. September 2001 wird ein Terroranschlag fast immer mit dem Islam in Verbindung gebracht. Uns fällt heute die Vorstellung schwer, dass dieser unwillkürliche Reflex vor noch nicht allzu langer Zeit keineswegs automatisch einsetzte.

Vor allem der Blick in den „Spiegel“, einst eines der deutschen Leitmedien, verrät, was sich seitdem verändert hat.

Wenige Wochen vor den verheerenden Anschlägen war noch ein Artikel erschienen, der warnte, eine Aufrüstung im Weltraum könnte zum Krieg zwischen den USA und China führen; wie wir heute wissen, fanden Fortschritte in der Rüstungsindustrie seither eher auf dem Boden statt als oberhalb der Atmosphäre.

Und die letzte „Spiegel“-Nummer vor der historischen Zeitwendende 9/11 zeigt Bundeskanzler Gerhard Schröder (ja, es gab tatsächlich eine Zeit vor Merkel), der unter Druck stand, weil Verteidigungsminister Rudolf Scharping auf PR-Fotos beim Baden mit seiner Lebensgefährtin im Swimming-Pool zu sehen war. Dass solche Nichtigkeiten damals eine Regierungskrise auslösen konnten, zeigt, wie gut es Deutschland damals noch ging.

Am 15. September 2001, also nur vier Tage nach den Angriffen auf World Trade Center und Pentagon, erschien eine Sonderausgabe des „Spiegel“. Beinahe 60 Seiten widmen sich ausschließlich dem Terrorismus. Diese hochinformative Artikelserie in nur wenigen Tagen auf die Beine zu stellen, war eine wahre Mammut-Aufgabe und unterstreicht, wie der „Spiegel“ damals seinem hervorragenden Ruf durchaus gerecht wurde.

Dass der Ablauf der Ereignisse in dem Special minutiös geschildert wurde, verstand sich von selbst. Doch viele andere Artikel konnten ein weit präziseres Bild vermitteln: Die Ursprünge der Terrorgruppe al-Qaida in den 80er Jahren wurden beleuchtet; wie schwierig ist es, ein Passagierflugzeug in ein Gebäude zu lenken; und wie genau stürzte das World Trade Center zusammen? Dass die Terrorzelle in Hamburg-Harburg beheimatet war, stand schon wenige Tage nach den Anschlägen fest. Auch etwaige Auswirkungen auf die Wirtschaft wurden diskutiert. Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer stand zum Interview bereit. Sogar ein früherer RAF-Terrorist gab Einblicke in seine damalige Schulung als Flugzeugentführer.

Dass ein Militärschlag gegen Afghanistan bevorstand, war bereits damals zu lesen – aber eben auch, dass die Truppen der dortigen Nordallianz die Invasion der USA vermutlich unterstützen würden, denn in der Woche zuvor war einer ihrer Führer bei einem Selbstmordanschlag der Taliban getötet worden.

Viele der wichtigsten Personen aus der Sonderausgabe sind mittlerweile tot; allen voran natürlich Terrorfürst Osama bin Laden, aber eben auch Saddam Hussein, Mullah Omar, Pervez Musharaf, Husni Mubarak, Muammar al-Gaddafi, Jassir Arafat und Rafiq Hariri. Andere bekannte Akteure leben noch. Olaf Scholz, nun Kanzlerkandidat der SPD, meldete sich damals als Hamburger Innensenator zu den Ermittlungen gegen die Harburger Terrorzelle zu Wort; etwas widerwillig bekundete die SPD-Parteilinke Andrea Nahles ihre Absicht, Bundeskanzler Schröder außenpolitisch zu unterstützen. Und Grünen-Politiker Cem Özdemir warnte – allerdings wenig überraschend – vor Islamophobie. Im Bundeskanzleramt wurde damals sogar kurzzeitig erwogen, die Koalition mit den Grünen aufzukündigen und die sozialliberale oder die Große Koalition wiederaufleben zu lassen, um einfacher an der Seite der USA in den Krieg gegen den Terror ziehen zu können.

Ein Grünen-Politiker mahnte zynisch an, dass es nun noch schwieriger würde, nach Deutschland einzuwandern – obwohl nur eine Minderheit der damals drei Millionen Muslime gewaltbereit sei. Dass diese Zahl mittlerweile auf fünf Millionen angestiegen ist, zeigt, dass seine Warnung sich nicht bewahrheitet hat: Es wurde seitdem immer leichter einzuwandern.

Auch war damals zu lesen, dass der deutsche Staat islamistische Gefährder nicht einfach abschieben könne, weil ihnen in den Heimatländern Prozesse wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Gruppierung drohten. Auch sei es denkbar, dass Ermittlungen taktisch erschwert würden, wenn die Beschuldigten sich auf die Religionsfreiheit berufen. Dieses Manko im deutschen Justizwesen nannte der „Spiegel“ von 2001 „paradox“. Heute werden derartige Probleme lieber unter den Teppich gekehrt.

Eine Ausgabe später widmete sich ein Artikel mit dem Titel „Zehn Jahre Krieg?“ den geplanten Militäraktionen; auch die Möglichkeit einer Invasion des Irak wurde darin thematisiert. Etwas ernüchternd heißt es, der kommende Krieg werde „nicht mit chirurgischen Schlägen und nur einem Minimum an Opfern geführt werden.“ Abschließend wird Osama bin Laden zitiert, der angekündigt hatte, als Märtyrer sterben zu wollen: Sein Tod werde die Zahl seiner Anhänger eher noch vervielfachen. Mittlerweile sind aus den 10 Jahren, wie wir wissen, fast 20 Jahre geworden. Friede herrscht in der Region noch immer nicht, und vermutlich werden die Militäroperationen jahrelang weitergehen.

(Hinweis: Zehn Jahre später, 2011, zeigte sich der „Spiegel“ anlässlich der Tötung bin Ladens und des aufkommenden arabischen Frühlings dann übrigens erfreut, dass islamische Gewaltakte nun endgültig der Vergangenheit angehören würden, und ausgerechnet Jamal Khashoggi wurde als Gewährsmann für diese wackelige These zitiert – derselbe Khashoggi, der vor zwei Jahren von Agenten des saudischen Geheimdienstes zersägt wurde. Es kam anders, denn bekanntermaßen stellten die Verbrechen des Islamischen Staates dann selbst die Greueltaten von al-Qaida in den Schatten).

Doch zurück ins Jahr 2001: Bei der Archivlektüre fällt weiterhin auf, dass der „Spiegel“ damals sowohl die Begriffe „Moslem“ wie auch „Muslim“ verwendete. Mittlerweile ist die ältere Form völlig ungebräuchlich. Umgekehrt war das Wort „Migrationshintergrund“ den Deutschen im Jahr 2001 noch unbekannt.

Mittlerweile kaum vorstellbar: In der besagten Ausgabe kamen auch Henryk Broder und Matthias Matussek – die inzwischen als rechts bzw. „rechtsextrem“ gelten, zu Wort. Damals standen die beiden mit ihren Ansichten noch voll in der Mitte der Gesellschaft. Ihre heutige Einordnung ist keineswegs die Folge einer seitherigen Radikalisierung, sondern des Umstands, dass sich das gesamte politische Koordinatensystem der Bundesrepublik nach links verschoben hat.

Broder nahm in seinem Beitrag mit gewohntem Biss die Terrorversteher aufs Korn, und zählte – wohlgemerkt wenige Tage nach dem 11. September – einige wenige Beispiele für linke Unterwürfigkeit gegenüber dem islamischen Terrorismus auf. 19 Jahre später ließe sich damit ein ganzes Buch füllen.

Matussek prangerte den Antiamerikanismus in Brasilien scharf an. Er habe dort viele Menschen getroffen, die sich über den Terrorangriff in New York erfreut gezeigt hatten; schließlich hätten die USA doch auch tausendfachen Tod nach Hiroshima, Nagasaki und Vietnam getragen. Bekanntermaßen gibt sich der „Spiegel“ mittlerweile selbst einem flachen Antiamerikanismus hin.

Kaum vorstellbar, dass auch solche Töne einst im „Spiegel“ erklangen: Thomas Hüetlin, der als Korrespondent den Anschlag auf das World Trade Center mit eigenen Augen erlebte, verfasste eine Liebeserklärung an die Weltstadt New York und erteilte dem Terrorismus eine klare Absage. „Wir werden unsere Art zu leben nicht ändern. Und erst recht nicht, wenn uns ein paar mittelalterliche Fundamentalisten, die ihre Frauen verschleiern und zu Hause einsperren, dazu zwingen wollen.“

von Lukas Mihr

Verwendete Links und weiterführende Informationen:

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/19916185
https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2001-37.html
https://www.spiegel.de/spiegel/print/index-2001-38.html

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/20184294
https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/78413745

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Number_of_terrorist_incidents_by_country


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