.st0{fill:#FFFFFF;}

Die dpa: Wirklich nur der Wahrheit verpflichtet? 

 5. Mai 2020

von  Thomas Paulwitz

Die „Rheinische Post“ verbreitet eine Aussage, und wen rügt die größte deutsche Nachrichtenagentur dpa dafür? „Hallo Meinung“! In einem sogenannten „Faktencheck“ setzt dpa zum Teil über Jahre gültige Abiturlehrpläne mit jährlich wechselnden Lektüreempfehlungen gleich. Facebook greift anschließend durch und setzt den mehr als zweifelhaften Warnhinweis „Falsche Informationen“ über einen Beitrag von „Hallo Meinung“. Bei der „Rheinischen Post“ hingegen sucht man einen solchen Warnhinweis vergeblich. Was ist da passiert? Wer verbreitet in Wirklichkeit Falschmeldungen? Und welche Rolle spielen dabei die personellen Verflechtungen zwischen dpa und „Rheinischer Post“?

Doch der Reihe nach: Im Herbst 2019 wird bekannt, daß Nordrhein-Westfalen ab 2021 Goethes „Faust“ als Abiturstoff streicht. Die Wellen schlagen hoch. Kirsten Bialdiga, Chefkorrespondentin für Landespolitik bei der „ Rheinischen Post“, schreibt am 3. Oktober 2019: „Nordrhein-Westfalen ist nicht das einzige Bundesland, das Goethes ‚Faust‘ gestrichen hat, und dies auch nicht zum ersten Mal. Nach Angaben des Deutschen Lehrerverbandes ist der Klassiker einzig in Bayern noch verbindlicher Prüfungsstoff.“ Viele andere Medien greifen die Aussage des Lehrerverbandes auf, ohne daß dpa einschreitet. Es besteht kein Anlaß, an der Zuverlässigkeit der „Rheinischen Post“ zu zweifeln; zumal deren Chefredakteur bereits 2015 Bialdiga für ihre „hartnäckige und investigative Recherche“ gelobt hat.

Ein halbes Jahr später, am Ostermontag 2020, erscheint bei „Hallo Meinung“ ein Beitrag über den Osterspaziergang in Goethes „Faust“. In einem Satz wird auch die bislang unbeanstandete Aussage des Lehrerverbandes aufgegriffen: „Bezeichnend ist, daß er [Goethes ‚Faust‘] in fast allen Bundesländern als Abiturstoff gestrichen wurde, zuletzt in Nordrhein-Westfalen. Bayern ist hier das einzige Bundesland, das noch am ‚Faust‘ festhält.“

Am 29. April veröffentlicht dpa einen sogenannten Faktencheck zu diesem Beitrag von „Hallo Meinung“. Das ist eine sehr aufwendige Untersuchung, die sehr viel Zeit kostet. Die Nachrichtenagentur prüft daher „aus Kapazitätsgründen nur die wichtigsten und relevantesten Behauptungen“, wie sie selbst schreibt. Trotzdem begeht die dpa einen schweren Fehler: Den Beitrag von Kirsten Bialdiga aus der „Rheinischen Post“ führt dpa zwar in ihrer Rechercheliste auf, konzentriert sich aber bei ihrer Richtigstellung nicht auf diese Primärquelle, sondern auf die Sekundärquelle in „Hallo Meinung“.

Die Faktenprüfer von dpa führen nun einige Bundesländer auf, in denen „Faust“ noch Abiturstoff sei. Das ist im Grunde eine erfreuliche Nachricht. Allerdings widerspricht sie nicht grundsätzlich den Aussagen des Deutschen Lehrerverbandes, der „Rheinischen Post“ und „Hallo Meinung“: Die Nachrichtenagentur hat neun Bundesländer untersucht. In Bayern ist „Faust“ als Abiturstoff verbindlich, in Nordrhein-Westfalen ab 2021 nicht mehr, in Brandenburg und Sachsen lediglich freiwillig. In Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Hamburg, Hessen und im Saarland ist Goethes „Faust“ erfreulicherweise Abiturstoff. Bei genauerem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, daß es sich bei den Belegen von dpa nicht um Lehrpläne im engeren Sinn handelt, sondern um Lektürelisten. Diese können im Gegensatz zum Lehrplan jährlich wechseln.

Es bleibt also dabei: Am wirkungsvollsten ist der Lehrplan in Bayern, der alle Abiturienten dazu verpflichtet, den „Faust“ zu lesen. In den anderen Ländern ist „Faust“ als Abiturstoff verschwunden oder unverbindlich, oder es besteht die Gefahr, dass er von einem Jahr aufs andere gestrichen wird. Dennoch prangt auf dem Bild zum Beitrag von „Hallo Meinung“ auf Facebook nun die Warnung: „Falsche Informationen: Von unabhängigen Faktenprüfern geprüft“. Und: „Die Kernaussagen der Information sind faktisch unzutreffend.“

Es wäre jederzeit ein Leichtes gewesen, den Beitrag von „Hallo Meinung“ aufgrund der Erkenntnisse von dpa mit weiteren Informationen zu ergänzen. Doch darauf scheint es der Nachrichtenagentur nicht anzukommen – sonst hätten sie sich bei unserer Redaktion einfach mal – sondern lediglich um die Abstempelung von „Hallo Meinung“ als vermeintlich unzuverlässiger Seite.

Sind die Faktenprüfer von dpa wirklich so unabhängig, wie Facebook behauptet? Die personellen Beziehungen zwischen dpa und „Rheinischer Post“ sind seit Jahren sehr eng. Sowohl Wilm Herlyn, Chefredakteur bei dpa von 1991 bis 2009, als auch der seit 2014 amtierende dpa-Chefredakteur Sven Gösmann waren zuvor als Chefredakteur bei der „Rheinischen Post“ tätig. Zum 70. Geburtstag der dpa schwärmte die „Rheinische Post“ in einem Beitrag vom 1. Juli 2019 über die Nachrichtenagentur: „In Zeiten von Fake News ist sie ein Garant für richtige Informationen.“ Kann man sich da vorstellen, dass die dpa im Gegenzug der „Rheinischen Post“, einem ihrer wichtigsten Kunden, falsche Informationen vorwirft?

Mit dem Erfolg von „Hallo Meinung“ kommt der Neid der Medienschaffenden. Dieser ist zwar eine Form von Anerkennung, führt aber auch zu Vorwürfen und Unterstellungen. Den Anfang machte am 20. April der Politikberater Erik Flügge (SPD). Allen Ernstes warnte er davor, daß „Hallo Meinung“ auch „einfache Leute“ zu Wort kommen lasse. Damit werde „Vertrauen erschlichen“, um „rechte Propaganda“ zu verbreiten. Das Ziel der Gegner von „Hallo Meinung“ ist also, dieses Vertrauen zu zerstören. Um Wahrheit und Redlichkeit geht es höchstens zweitrangig.

Die Nachrichtenagentur dpa bietet an, Rückmeldungen zu ihren Faktenchecks an faktencheck@dpa.com zu schicken. Wer ein besseres Deutschland vertreten will, weiß, daß er dabei höflich bleibt.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
>