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Ein Beitrag von Prof. Werner Patzelt

Wen wundert das! 300 Mitglieder der Grünen, darunter auch Kandidaten für die Bundestagswahl sowie einige Kreisverbände, wollen das Wort „Deutschland“ aus dem Titel des Wahlprogramms gestrichen haben. Bislang trug dieses die Überschrift „Deutschland. Alles drin“. Jetzt soll es wohl nur noch verkünden: „Alles drin“.

Doch wo genau soll dieses „alles“ drin sein? Soweit es sich um etwas Gutes handelt: anscheinend nicht in Deutschland. Nach überkommener Auffassung von vielen Grünen steckt in diesem Land ja weiterhin unglaublich viel an Rassismus und Faschismus, an Nationalismus und Autoritarismus. Wohl deshalb lief vor einigen Jahren die jetzige grüne Vizepräsidentin des Bundestages bei mindestens einer Demonstration mit, bei der pädagogisch wertvolle Parolen erklangen wie „Deutschland verrecke!“ oder „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!“. Auch der Nun-doch-nicht-Bundeskanzler Robert Habeck ließ einst wissen, mit Deutschland habe er noch nie viel anfangen können. Doch vermutlich wird die nette Fast-schon-Bundeskanzlerin Annalena Baerbock bald erklären, sie sähe das alles durchaus nicht so wie jene kleine, überhaupt nicht repräsentative Minderheit ihrer Partei.

Das werden wir gerne hören. Und vielleicht kündigt unsere neue Kanzlerin dann gleich noch an, sie selbst habe keinerlei Schwierigkeiten mit dem kommenden Amtseid und dessen Forderung, ihre Kraft dem Wohle des – igitt, igitt! – „deutschen Volkes“ zu widmen. Klar doch, denn dank einer grünen Regierung und des dann endlich entschlossen geführten „Kampfes gegen rechts“ wird aus der germanischen Horde von „Richtern und Henkern“ ja vielleicht doch noch eine post-nationale Bevölkerung! Und wenn man diese aus rein formalen Gründen weiterhin mit dem historisch so sehr belasteten Begriff „deutsches Volk“ bezeichnen muss, dann sei’s drum!

So richtig zivilisiert sind diese Teutonen, mit denen Zugewanderte uns doch bitte nicht allein lassen mögen, ja wirklich noch nicht. Wie auch, nach einem schuldbeladenen Weg, der geradewegs von Luther über Nietzsche und Wagner zu Hitler führte – und inzwischen weiter zur AfD. Aus guten Gründen schämt sich also deutschen Tümelns ein jeder Anständige. Auch deshalb sah sich die jetzige Kanzlerin gezwungen, bei der Feier eines CDU-Wahlsieges – lang ist’s her – vor laufenden Kameras ihrem Generalsekretär ein schwarz-rot-goldenes Fähnchen aus der Hand zu nehmen und es wegzulegen. Man hätte sie ja sonst für eine Gefolgsfrau derer halten können, die zuerst im südlichen Afrika einen Völkermord hinbekommen haben und den später, noch viel wirkungsvoller, in Europa wiederholten. Wirklich: Ein Land, in dem so etwas „drin ist“, kann man nicht mögen – und seinen Namen sollte man ebenso meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Waren das doch schöne Zeiten, in denen es „Deutschland“ gar nicht mehr gab, sondern nur noch eine „Bundesrepublik“! Zeiten auch, in denen der Staatsname der DDR im Wesentlichen ebenfalls nur noch vom SED-Chef Honecker ausgesprochen wurde – der allerdings beim Zungenbrecher „deutsche gradsche Blik“ leider ausgerechnet das böse D-Wort nicht durchs Verschlucken von Silben zu entschärfen verstand. Immerhin wurde in der DDR die Nationalhymne – was für ein Nazi-Wort! – nur noch gespielt, doch nicht mehr gesungen. Das war weise, weil in ihr gleich zwei rechtspopulistische Begriffe vorkamen: „Deutschland“ – und „Vaterland“. Später lösten die Coolen im Land solche Probleme, indem sie einfach von „Schland“ sprachen.

Was würde vom jetzigen Entrümpelungsvorschlag aus der grünen Parteibasis eigentlich ein Willy Brandt halten, der sich nach dem Mauerfall seiner Tränen nicht schämte, als er sagte: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“. Der dabei auch klar das das von ihm immer geliebte Deutschland meinte, das nur allzu lange von Verbrechern und von deren Mitläufer_innen regiert wurde! Und was würde vom basisgrünen Umgang mit Deutschland jemand wie Friedrich Ebert halten, der nicht nur – anders als heutige Sozialdemokraten – die Arbeiterklasse liebte, sondern auch sein Vaterland?

Doch halt – war Ebert nicht ein Reichspräsident? So wie ein anderer später ein Reichskanzler? Also wohl jemand von der Art jener Reichsbürger, die ihrerseits – nicht lange ist’s her – mit ihrem rechtsradikalen Sturmangriff auf den Reichstag jenes Beispiel gaben, dem amerikanische Rechtspopulisten kurze Zeit später in Washington folgten? Und hatte deren tatsächlicher Anführer, der – wie einst Kaiser Wilhelm – schwadronierende Donald Trump nicht deutsche Vorfahren? Führen vielleicht die Wurzeln des heutigen US-amerikanischen Rassismus am Ende gar nach Deutschland? Und wohin denn sonst? In diesem Land ist ja wirklich alles drin!

Wie schön, dass wir uns nach so krausen Gedankengängen – die aber allesamt realen Gesprächen entnommen sind – nun endlich etwas Schönem zuwenden können. Denn freundlicherweise haben uns die Grünen ihr edles Motiv für die erwünschte Streichung des üblen D-Wortes auch erläutert: Im Mittelpunkt ihrer Politik steht der Mensch in seiner Würde und Freiheit – und eben nicht Deutschland. Da atmen wir jetzt aber auf. Und spitzen auch schon die Lippen zu Nachfragen.

Gibt es wohl zwischen Frankreich und Polen, zwischen Österreich und Dänemark wirklich keine Menschen, die sich doch frech die Freiheit nehmen, Deutsche zu sein – und zwar nicht nur zwangsweise, weil sie leider in Deutschland geboren sind, sondern weil sie Deutsche sein möchten? Dürfen aufgeklärte Weltbürger und Weltbürger_innen solches überhaupt, wenn sie weiterhin in den Spiegel blicken wollen? Bringen die sich denn nicht selbst um ihre Würde, wenn sie in Deutschlands übler Sprache, eigentlich gar nicht vorhandener Kultur und verbrecherischer Geschichte auch noch beheimatet sein wollen – die einen womöglich alternativlos ohne Migrationshintergrund, die anderen sogar mit eigentlich befreiendem Migrationshintergrund? Und wenn sie sich nicht allein durch eine – zu Recht „Verfassungspatriotismus“ genannte – gemeinsame Zuneigung zur pluralistischen Demokratie zusammenhalten wollen, sondern obendrein durch unsere Staatsfarben und deren Sinngehalt? Wie gut, dass bei der Fußballweltmeisterschaft von 2006 wenigsten eine Politikerin der Linken dazu aufforderte, die allzu vielen schwarz-weiß-gelben Autofähnchen nächtens einzusammeln, damit dem neu aufbrandenden deutschen Nationalismus doch noch Grenzen gesetzt würden!

Tatsächlich aber stehen Schwarz, Rot und Gold seit 1832 – und erst recht seit 1848, 1918 und 1989 – für Einigkeit und Recht und Freiheit. Obendrein stehen sie seit einigen Jahrzehnten auch noch dafür, dass in unserer bunten Gesellschaft ein Deutscher natürlich nicht nur weiß oder braun sein kann, sondern auch schwarz, rot oder gelb … wobei wir natürlich für die ersten zwei Gruppen von „people of color“, ob sie nun Deutsche geworden sind oder nicht, niemals wieder das N-Wort verwenden werden – und auch nicht mehr das I-Wort, zumal das anders zu halten sogar einer grünen und somit des absichtlichen Rassismus ganz unverdächtigen Politikerin unlängst gar nicht gut bekam.

Seien wir den Grünen im Grunde dankbar. Nicht nur dafür, dass sie uns dank besseren Wissens und überlegener Moral gerade beim so hochproblematischem Deutschsein umsichtig erziehen – vom Mienenspiel und Tonfall mancher Fernsehmoderator_innen bis hin zu jenen politischen Bildnerinnen und Bildnern, für die Deutschlands Geschichte und Kultur auf den Aufstieg und das Nachwirken des Nationalsozialismus eingeschrumpft sind. Sondern seien wir den Grünen auch dankbar dafür, dass sie durch die gewünschte Veränderung der Überschrift ihres Wahlprogramms auch über sich selbst eine ziemlich tiefe Wahrheit ausgedrückt haben.

Denn bei den Grünen ist wirklich „alles drin“. Alles: von der freundlichen Frau Baerbock bis hin zu denen, die weiterhin die traditionellen Berliner Mai-Krawalle für den Notschrei ausgebeuteter Bevölkerungsteile halten. Alles: von denen, die zwar die Bundesrepublik gern umgestalten, von Deutschland aber nichts wissen wollen. Und noch einmal alles: von der verzeihlichen, doch trotzdem ein wenig arrogant wirkenden Vorfreude auf den fest eingeplanten Wahlsieg bis hin zur Feigheit vor einer auch inhaltlichen, also nicht nur stilistischen, Auseinandersetzung mit der AfD.

Deren Leitspruch für die kommenden Wahlkämpfe lautet nämlich: „Deutschland. Aber normal“. Doch normal ist für die Grünen Deutschland nun einmal nicht – und darf es auch nicht sein. Also ist ebenfalls der Umgang der deutschen Grünen mit Deutschland nicht normal. Doch statt mit den normalitätsbeanspruchenden AfDlern einen redlich geführten Streit darüber zu suchen, was wohl in einer Demokratie der normale Umgang von Politikern mit ihrem Land und mit dessen Staatsvolk wäre, grenzt man sich wieder einmal bequem ab: „Die reden von Deutschland; wir aber reden vom Klima – und von der Würde des Menschen“. Doch vielleicht überkam manche Basisgrüne auch nur die Angst, mit „Deutschland“ im Titel des Wahlprogramms klinge man wie die AfD. Welcher Geist auch immer jene Antragsteller angetrieben haben mag: Souveränes Verhalten geht anders!  

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