.st0{fill:#FFFFFF;}

Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt bei uns selbst! 

 6. August 2020

von  Werner Patzelt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt bei uns selbst!
Es stand schon besser um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land. Es gab Zeiten, da Morde an anders Aussehenden oder Gewalt gegen Andersdenkende ebenso aus dem Rahmen dessen fielen, was man für möglich hielt, wie eventartige Ausschreitungen gegen Polizisten oder wie Anschläge auf Büros von Parteien und Abgeordneten. Es gab auch Zeiten, in denen man mehr darauf achtete, was einer sagte, als wo und zu wem er es sagte. Und es gab Zeiten, in denen Meinungsstreit als Chance begriffen wurde, bislang ungewohnte Gedanken oder Argumente auch selbst zu erkunden. Das waren Zeiten, in denen man das Diskutieren über politische Gräben hinweg noch nicht für sinnlos, ja für gefährlich hielt.

Freilich gab es noch viel schlimmere Zeiten. Die waren erfüllt von hassgetriebenen Bürgerkriegen und von selbstgerechtem Rassismus, von niederträchtigem Denunziantentum, auch von aufgeilender Hetze gegen echte oder eingebildete Gegner. Viele Länder haben solche Zeiten durchlebt. Das rechtfertigt nichts von dem, was im Einzelnen geschah. Doch auf derlei Schrecknisse vergleichend zu blicken, kann die Ursachenvielfalt des Bösen begreifen lassen. Dann aber wird man dessen Folgen besser wehren als andernfalls.

Niemand bei Trost wünscht eine Wiederkehr solcher Zeiten, Einstellungen und Politik – ganz gleich, ob es sich um den kolonialistischen Rassismus handelt, um den kapitalistischen Imperialismus, um die faschistischen Diktaturen oder um den Holocaust, auch um die kommunistischen Experimente in Russland, China und Kambodscha mit ihren weit über hundert Millionen Toten, oder um die Verfolgung politischer Gegner in der McCarthy-Ära der USA sowie in den realsozialistischen Staaten Mittel- und Osteuropas. Dennoch begeben sich viele, meist besten Gewissens und oft guten Willens, auf einen Weg, der zurück in solche Zeiten führen kann.

Noch sind die fern. Kaum einer will wirklich dorthin. Doch es gilt, schon vor falschen Anfangsschritten zu warnen. Und jene aufzuhalten, die sie tun – oft naiv oder selbstgefällig, bisweilen hinterhältig und ruchlos. Gerade weil wir in keiner Diktatur leben, sollten wir unübersehbaren Anfängen einer üblen Entwicklung entgegentreten. Auch wenn Zivilcourage inzwischen einen Preis hat, der zu Buche schlägt.

Heute nämlich trennen politische Meinungsunterschiede oft so gefühlstief und aggressionssteigernd wie einst die Konfessionsunterschiede zwischen Protestanten und Katholiken. Oder wie sich das heute zwischen vielen Religionslosen und solchen Muslimen vollzieht, die ihre Religion öffentlich bekunden wollen. Jedenfalls sind gar nicht wenige ungleich zufriedener, wenn sie einem unerwünschten Politiker oder Intellektuellen, oder einer Frau in gleicher Lage, einen Aufritt verwehrt oder vermasselt haben, als wenn sie es schafften, sich beim Kräftemessen mit dem Gegner als kenntnisreicher und rhetorisch überlegen zu erweisen. Auch lässt man es nicht länger dabei bewenden, als Sieger vom Schauplatz zu gehen. Vielmehr muss der Gegner auch als moralisch minderwertig hingestellt werden, als einer echten Auseinandersetzung ohnehin nicht wert.

Anscheinend ist zu viel Gift in jenes politische und soziokulturelle Streiten gelangt, das doch die Kraftquelle einer pluralistischen Demokratie ist, auch die Vorbedingung ihrer Lernfähigkeit, die Konkretisierung politischer Freiheit. Das inzwischen entstandene Klima hochfahrender Diskursverweigerung haben US-amerikanische Linksintellektuelle vor kurzem in einer aufsehenerregenden öffentlichen Erklärung beklagt (https://harpers.org/a-letter-on-justice-and-open-debate/). Gleiches hat eine Journalistin der linksliberalen New York Times unlängst zum Thema ihrer mit großem Echo publizierten Stellenkündigung gemacht (https://www.bariweiss.com/resignation-letter). Wer hierzulande nicht links ist, sondern einfach ein Liberaler mit öffentlich bekundeter Diskussionsbereitschaft nach allen Seiten, der dürfte in den letzten Jahren erst recht manche Ausgrenzungserfahrungen gemacht haben. Von denen ist eine Diffamierung mit dem Beiwort „umstritten“ noch die mildeste. Wer aber gar als ein Rechter auftritt, oder zumindest als ein solcher ausgegeben wird, auf den bläst inzwischen mit nachgerade Pflichtbewusstsein zur Jagd, wer immer sich den Guten im Lande zurechnet.

Möchten wir diesen Zustand wirklich anhalten lassen? Haben wir aus den Religionskriegen der Vergangenheit so wenig gelernt, dass wir sie nun als politische Glaubensstreitigkeiten nachspielen wollen? Sind wir tatsächlich der Irrlehre verfallen, jetzt gelte es innenpolitisch jenen „gerechten Krieg“ zu führen, den zu gewinnen alle künftigen soziokulturellen Kriege verhindern werde? Hoffen wir ernsthaft, die verbalradikale Bekämpfung aller gesellschaftlichen „Krebsgeschwüre“ – je nach politischer Konfession: von der WerteUnion über die AfD bis zum rechten Narrensaum, oder von der Merkel-CDU über Grüne und SPD bis hin zur selbstberauschten Antifa – würde unser Land und seine Bewohner befrieden? Oder jenen Zusammenhalt bewirken, den unsere, inzwischen zu einem Viertel migrantische Gesellschaft nun einmal braucht, wenn nicht auch in unseren Großstädten US-amerikanische oder französische Zustände normal werden sollen?

Mir scheint: Wir sollten aufhören mit der leichtfertigen Spaltung unserer Gesellschaft durch selbsterhöhendes Verachten und lustvolles Herabsetzen derer, die wir politisch oder kulturell nicht mögen. Besser wäre es, wenn wir uns aufs Neue der einst umjubelten soziologischen Einsicht öffneten, dass nichts besser eine Gesellschaft zusammenhält als die Selbstverständlichkeit fair ausgetragener Konflikte im Rahmen einer gemeinsamen Verfassungsordnung. Allerdings wird es nichts nützen, richtiges Verhalten nur von anderen zu fordern. Bessern werden sich die Zustände bloß dann, wenn möglichst viele ihr eigenes Denken, Reden und Handeln verändern – oder sich wenigstens nicht mehr unbedacht auf gesellschaftsspaltende Abwege locken lassen. Gerade in der Politik ist nämlich „gut gemeint“ allzu oft das Gegenteil von „gut getan“.

Und was wären jene Schritte hin zum Richtigen, die wirklich jeder selbst tun kann?

Erstens: Versuchen wir, jede von uns gefühlsmäßig bestrittene Position erst einmal verstandesmäßig zu begreifen, bevor wir den zurechtweisen, der sie vertritt. Trennen wir dann den Widerspruch in der Sache von der – aus anderen Gründen ja vielleicht gerechtfertigten – Ablehnung jener Person, gegen die wir argumentieren. Auch ein Fiesling kann nämlich recht haben, und sogar ein bewundertes Vorbild mag sich irren. Zweitens: Seien wir kritisch nicht nur hinsichtlich des Wissens, das sich ein anderer zuschreibt. Sondern überprüfen wir ebenfalls, ob vielleicht wir selbst mehr zu kennen glauben, als uns wirklich vertraut ist. Hinterfragen wir auch immer wieder, ob wohl nur unsere Gegner abgeschottete Filterblasen bewohnen, während uns das Leben in angenehm klimatisierten Echokammern eigener Ansichten ganz unvertraut wäre. Und drittens: Klären wir jene Kriterien, nach denen wir beurteilen, welche Informationen uns als vertrauenswürdig erscheinen, und wenden wir diese Prüfkriterien ganz unabhängig davon an, ob die dann als jeweils vertrauenswürdig ausgewiesenen Informationen uns inhaltlich gefallen – oder eben nicht. Wer etwa verlangt, man solle nur der Statistik trauen, die man selbst gefälscht hat: Mit welchem Recht dürfte der erwarten, dass man die gerade von ihm angeführten Statistiken ernstnimmt? Und wenn er ohnehin keine Zahlen und Fakten präsentieren kann: Weshalb sollte man ihn dann überhaupt für kompetent halten?

Doch manchmal muss beim politischen Streit auch schnell entschieden werden, wie man sich verhält. In einem Land mit freiheitlichen Diskussionsgrundsätzen weist meist die folgende Regel den richtigen Weg: „Wer schreit oder lärmt, hat Unrecht!“. Aus ihr folgt: Wir selbst sollten beim politischen Debattieren niemals schreien oder lärmen, sondern uns lieber niederbrüllen oder anfeinden lassen, als unsererseits den Kurs der Vernunft und des redlichen Argumentierens aufzugeben. Vielleicht stimmt ja die Verheißung aus der Bergpredigt: Die Friedfertigen werden sich durchsetzen – wenn auch nicht sofort, so doch nach dem üblichen Scheitern derer, die in Wort oder Tat zur Gewalt greifen.

Von Werner J. Patzelt

Zur Person
Werner J. Patzelt (67) war von 1991 bis 2019 Professor für vergleichende Politikwissenschaft an der TU Dresden. Seit 1994 gehört er der CDU an, Anfang 2019 trat er in die Werte-Union ein. Er zählt zu den profiliertesten politischen Beobachtern der Gegenwart. Seine wissenschaftliche Untersuchung von Pegida sowie pointierte öffentliche Stellungnahmen zur Flüchtlings- und Migrationsthematik verschafften ihm Bekanntheit weit über seinen Fachbereich hinaus. So war und ist er regelmäßiger Interviewpartner in TV-Nachrichtenformaten (z.B. Phoenix) sowie Gast in Talkshows (z.B. „Maischberger“).Zudem hat Patzelt diverse Bücher und Publikationen veröffentlicht; zuletzt erschienen von ihm die Titel „Neue Deutsche in einem alten Land. Über Zuwanderung, Integration und Beheimatung“ (Baden-Baden 2018, Ergon, 316 S.), „Deutsche und ihr demokratisches Land. Herausforderungen und Antworten“ (Baden-Baden 2018, Ergon, 553 S.), „Politische Bildung für ein demokratisches Deutschland. Ziele, Inhalte, Bilanzen“ (Baden-Baden 2019, Ergon, 275 S.) sowie „CDU, AfD und die politische Torheit“ (Dresden 2019, Weltbuch, 2019, 292 S.).Auf Hallo Meinung wird sich Werner J. Patzelt in der Reihe „Patzelts Position“ künftig in wiederkehrenden Gastbeiträgen zu politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen äußern.


HALLO MEINUNG will und wird, mit der Unterstützung eines jeden Einzelnen, Deutschland verändern,
damit die Bürger sich wieder wohl fühlen.

Das alles geht aber nur mit eurer Unterstützung, egal ob groß oder klein, denn jede Unterstützung hilft uns alternativen Medien dabei für Meinungsfreiheit und Demokratie zu kämpfen.

Hier findet ihr wichtige Infos zu HALLO MEINUNG und auch unsere Kontoverbindung: hallo-meinung.de
Falls ihr unsere Arbeit mit einer kleinen Spende unterstützen möchtet, geht das einfach unter: klicke hier um mit PayPal zu spenden

Wenn du immer auf dem Laufenden bleiben möchtest, dann sichere dir auch den
Newsletter von HALLO MEINUNGHALLO MEINUNG. Wir bewegen Deutschland!

Wir freuen uns über jede Unterstützung.
Herzlichen Dank.

Euer Peter Weber und Team

Wir behalten uns vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen

__CONFIG_group_edit__{}__CONFIG_group_edit__
__CONFIG_local_colors__{"colors":{},"gradients":{}}__CONFIG_local_colors__
  • Sehr geehrter Herr Patzelt,

    Glückwunsch zu so einem differenzierten Artikel. Danke!

    Ich fühle mich dem freiheitlichen-demokratischen und liberalen Grundverständnis als Unternehmer und als Mensch absolut verpflichtet. Ich habe meine Meinung immer Vertreten. Nur musste ich feststellen, dass ich mit absolutem Unverständnis nicht von „Links“ konfrontiert wurde, sondern meistens von „Rechts“. Das hat mich absolut verwundert.

    Ich habe überhaupt nichts mit „Links“, den Kommunisten, Sozialisten usw. am Hut. Aber andererseits kann ich hier auf der Plattform und in anderen sogenannten „alternativen Medien“ diverse Argumente in keinster Weise nachvollziehen und das kritisiere ich dann auch.

    Unteranderem wird ständig der Vergleich der heutigen BRD mit der DDR angeführt – wir steuern auf eine DDR2.0 zu.

    Oder: Wir leben nicht mehr in einer Demokratie und steuern auf eine Diktatur zu – Merkel-Diktatur.

    Oder: Wir dürfen nicht mehr unsere Meinung sagen und das Grundgesetz sei in Gefahr. Zu diesem Punkt muss ich aber betonen, dass das Grundgesetz ständig und immer verteidigt werden muss und den Regierendeden sollte der Bürger, die Opposition und die freie Presse ständig auf die „Finger“ schauen und diese auch entsprechend kritisieren. Das sollt doch wohl aber demokratisches Grundverständnis sein.

    Oder: Es werden Narrative verbreitet, wo jeder Normaldenkender sofort erkennt, dass es sich dabei um absoluten Unsinn handelt.

    Und zum Schluss: Am allermeisten kann ich nicht eine frei geäußerte Meinung unkommentiert lassen, die sich als Reichsbürger-Ideologie entpuppt. Und das hier auf der Plattform von Hallo-Meinung.

    Es muss möglich sein, hier auch kritische Meinungen zu äußern, schon aus dem demokratischen Blickwinkel heraus. was aber hier sehr oft nicht mehr möglich ist. Das ist nicht demokratisch und nur das prangere ich an, denn vom Diskurs lebt die Demokratie.

    Haben Sie eine gute und angenehme Zeit
    Ihr Tobi Schulze

  • Vorausgeschickt sei, dass ich die analytische Schärfe und den unerschütterlichen Mut von Werner J. Patzelt über alles schätze. Er ist eine der letzten Stimmen aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften, die ihr Fach infolge von Selbstverzwergung, akademischer Unredlichkeit und amoralischer Andienerei an den Mainstream nicht verraten.
    Und dennoch: Dieser Beitrag ist mir angesichts der nicht mehr zu leugnenden Hexenjagden auf alles Westliche und Bürgerliche, die durch die Politik und die sog. „Qualitätsmedien“ mal zustimmend, mal selbst anheizend systematisch organisiert werden, einfach zu „anständig“ und zu larmoyant. Das ist ja gerade das Elend der deutschen Intellektuellen seit 1830/ 1848, dass sie einfach nicht begreifen wollen, dass man dem politischen Mob in den Entscheidungszentren, den Bildungseinrichtungen oder brachial auf der Straße durch Rationalität, Klugheit, Empathie und gesitteter Mäßigung niemals beikommen wird. Und sich deshalb zumeist resignativ in ihre Anständigkeit zurück ziehen.
    Die schwarz-grün-roteBlockpartei bzw. die Kenia-Kommunisten dagen zielen systematisch auf die Unterdrückung freier Öffentlichkeiten. Notfalls bis hin zum Bürgerkrieg, den sie – übrigens vollkommen zurecht – meinen gewinnen zu können. Sehr nachvollziehbar, denn diese parasitäre Blase lebt wie Vampire von diesen Mechanismen ( siehe zudem den Artikel von Matissek, ebenfalls von heute).
    Aber was tun außer nur die sozio-ökonomischen und sozialpsychologischen sowie kognitiv-desaströsen Umwelten mit gesattelter Diagnostik zu durchdringen? Denn das allein wird nicht reichen, den Totalitarismus der Hexenjägerinnen abzuwenden. Aber was dann noch? Es ist höchste Zeit, diese Frage endlich wesentlich entschiedener aufzugreifen.

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
    >