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Jedes Leben schützen und erhalten? 

 7. September 2020

von  Peter Joecken

In der Corona-Pandemie hat die Bundesregierung sehr stark in die Lebensentwürfe der Menschen in Deutschland eingegriffen, um die Ausbreitung des Virus zu begrenzen. Ihr wesentliches Argument war und ist, dass während der Coronapandemie alles getan werden muss, um Leben zu retten.

Dafür wurden Existenzen vernichtet, Milliarden und Abermilliarden an Geldern regelrecht zum Fenster heraus geworden und die bekannten Kollateralschäden, die Lockdown und Einschränkungen der persönlich-individuellen Freiräume der Bürger mit sich brachten, lassen sich auf einen ersten Blick nicht beziffern. Zu diffus ist das zum Teil völlig widersinnige Maßnahmensystem, das man eher als einen riesengroßen Flickenteppich der Ungereimtheiten bezeichnen muss.

Experten sprechen von einer Bandbreite von 10.000 bis 120.000 Menschen, die infolge des stark eingeschränkten Gesundheitssystems sterben mussten oder sterben werden. Durch heruntergefahrene Aufnahme- und OP-Kapazitäten in den Kliniken oder wegen Spätfolgen nicht erfolgter Untersuchungen.

Nach sechs Monaten des Erlebens dieser Krise, die ich ständig und aufmerksam beobachtet habe, bin ich zu einer mehr als skeptischen Haltung gegenüber dem Krisenmanagement im Rahmen der Pandemie gekommen. Diese fußt vor allem auf meinen Erfahrungen, die ich in vielen Jahrzehnten verantwortungsvoller Tätigkeit im Gesundheitswesen gemacht habe. Daher möchte ich meine Ausführungen hauptsächlich auf das Gesundheitswesen beschränken und unter dem Aspekt „Jedes Leben schützen und erhalten“ besonders beleuchten.

Es wird immer wieder die Frage nach der Verhältnismäßigkeit gestellt, die die Maßnahmen der Bundesregierung, und hier natürlich insbesondere die unseres „Bankkaufmanns im Gesundheitswesen“ Spahn in seiner Rolle als Bundesgesundheitsminister, untermauert.

Er ist um seine Rolle wahrlich nicht zu beneiden. Vermutlich gibt er sich ja auch viel Mühe, das kann man ihm nicht absprechen. Er musste auch erst lernen, mit einer solchen Krise klar zu kommen. Aber er ist Bundesgesundheitsminister und trägt die Verantwortung.

Jedes Leben schützen und erhalten? Dieses Postulat gilt ganz besonders für ihn in seiner Rolle. Für mich kommt er diesem Postulat nicht nach. Der moralischen Verantwortung, die die Bundesregierung mit einer solchen Losung übernimmt, müsste sie sich eigentlich bewusst sein. Wenn eine Regierung einen solchen Anspruch erhebt, nämlich jedes Leben erhalten und schützen zu wollen, dann muss sie sich dem Anspruch auch stellen. Dazu ist sie jedoch weder in der Lage noch wirklich Willens.  

Ich verdeutliche dies anhand der Gegenüberstellung zweier ähnlich gelagerter Krankheitskomplexe, die im Gesundheitswesen von großer Bedeutung sind. Da ist zum einen die zweifelsfrei vorhandene Pandemie mit dem Coronavirus und zum anderen die seit Jahrzehnten bekannte und nach wie vor vorhandene Gefährdung der Menschen in Kliniken und Altenheimen durch lebensbedrohende, multi-resistente Keime.

Sehr viele Krankenhaus- und Altenheiminfektionen werden durch Methicillin-resistente Staphylococcus aureus-Stämme kurz MRSA genannt, verursacht. Staphylokokken sind häufig vorkommende Bakterien, die insbesondere die Haut und Schleimhäute besiedeln. Die Besonderheit von MRSA-Stämmen ist, dass sie gegen das Antibiotikum Methicillin resistent sind. Das macht die Infektion, die sich daraus ergibt, besonders gefährlich. Sie ist kaum wirkungsvoll zu bekämpfen, außer, man schützt die Menschen durch einfache, aber aufwändig und „teure“ präventive Maßnahmen.

Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene infizieren sich 900.000 Menschen pro Jahr in deutschen Krankenhäusern mit Krankenhauskeimen. Etwa 40.000 sterben daran. Schauen wir uns die aktuellen Coronazahlen an, so stellen wir fest, dass laut RKI gegenwärtig (Stand Ende August) rund 275.000 Menschen mit dem Virus infiziert sind oder gewesen sind. Rund 9.500 Menschen sind an oder mit Corona gestorben.

Rechnet man das hoch auf das abzuschließende Jahr 2020, errechnet sich voraussichtlich eine Anzahl von etwa 570.000 Infizierten und eine Todeszahl von etwa 20.000 Menschen. Faktisch bedeutet das, dass durch die Keimbesiedelung mit MRSA in Deutschland 330.000 Menschen mehr infiziert oder sein werden als mit Corona.  Bei den Verstorbenen ergibt sich eine Differenz von etwa 20.000 Menschen.

Hygieneexperten sind sich darüber einig, dass durch ein verstärktes Hygieneregime in den Kliniken die Infektionsgefahr mit MRSA um 10 Prozent gesenkt werden kann; auch das ist keine neue Erkenntnis. Doch sie wird ignoriert.

Jedes Leben schützen und erhalten – tun sich da nicht jede Menge Fragen auf? Ich habe während meiner studienbegleitenden Berufspraktika in Klinken der Niederlande gearbeitet.  Dort war es mir gleich aufgefallen, dass die Hygienemaßnahmen besonders umfassend und zielgerichtet auf die Bekämpfung der Verbreitung des MRSA ausgerichtet waren. Wir beklagen in Deutschland in unserem „exzellenten“ Gesundheitswesen (O-Ton Spahn) eine Infektionsrate mit MRSA, die dazu führt, dass jährlich durchschnittlich zwischen 10 und 15 Prozent aller Patienten stationär in Kliniken behandelt werden muss.

Zum Vergleich: In den Niederlanden liegt die Infektionsrate an MRSA bei einem Prozent! Dort wird für die Abwehrmaßnahmen gegen MRSA-Infektionen gezielt Geld ausgegeben. Strenge Labor-Kontrollen bei jedem Patienten, der neu in die Klinik aufgenommen werden soll, sofortige Isolationsmaßnahmen bei Erkennen einer MRSA-Infektion und ein für die Förderung von Hygienemaßnahmen unerlässlicher höherer Personalschlüssel bei den Pflegepersonen haben bewiesen, dass die Bekämpfung von MRSA erfolgreich ist.

Streng geregelte Besuchszeiten sind ebenso wichtig bei der Bekämpfung der Keimbesiedelung mit MRSA wie umfassende, regelmäßige Hygieneschulungen des Personals in allen Bereichen. In Deutschland jedoch wird nicht, wie in Holland, jeder Patient, der neu aufgenommen wird, im Krankenhaus auf MRSA-Keime untersucht. Untersucht werden bei uns lediglich nur die Menschen, die man im Allgemeinen der Risikogruppe zuordnet, von der man glaubt, sie seien potenzielle Keimträger. Das heißt, dass nach der Aufnahme die Situation eintreten kann, dass nicht auf MRSA getestete Patienten in ein Krankenzimmer zu anderen Patienten kommen und diese unter Umständen anstecken. In den Niederlanden hingegen werden bei der Aufnahme festgestellte infektiöse Patienten mit MRSA sofort in ein Einzelzimmer gelegt und dort zunächst gegen MRSA „saniert“.

Die Sparpolitik des Bundesgesundheitsministeriums hat dazu geführt, dass in unseren Krankenhäusern zum großen Teil die Labore wegrationalisiert oder in ihrem Leistungsspektrum drastisch reduziert wurden. So muss etwa das Abstrichmaterial einer Untersuchung auf MRSA oftmals erst aufwändig ins externe Labor versendet werden. Bis das Ergebnis zurückkommt, dauert es mitunter Tage. Auch werden potenziell infizierte Menschen hierzulande nicht isoliert – und stecken womöglich so ahnungslose Mitpatienten an.

Würde man dagegen so verfahren, wie es in den Niederlanden vorgemacht wird, hätten wir ähnlichen Erfolg wie unser Nachbarland und es würden zahlreiche Menschenleben gerettet . Ich halte den untragbaren Ist-Zustand für eine skandalöse Auswirkung der rigorosen Sparpolitik und des Dividendenzwangs infolge der politisch gewollten Privatisierung unserer Krankenhäuser.

Jedes Prozent der Reduzierung des Keimauftritts von MRSA bedeutet eine Rettung von etwa 4.000 Menschenleben. Oder, um es drastischer zu formulieren: In unseren Krankenhäusern sterben aufgrund mangelhafter Hygiene etwa 35.000 Menschen. Unnötig. Umsonst. Qualvoll. Jedes Leben schützen und erhalten?

Es mag Kritiker geben, die mir entgegenhalten, dass die Infektionslast des Coronavirus weit höher ist als die Keimbelastung durch MRSA, und dass die Krankheitsverläufe von Covid-19 bei schweren Erkrankungen äußerst schwerwiegend seien. Zum Vergleich der Infektionslast kann ich wenig, eher nichts, sagen. Die Krankheitsverläufe in ihrem Schweregrad als different zu bezeichnen, halte ich für falsch. Die Krankheitsverläufe sind in beiden Komplexthemen gleichermaßen dramatisch wie auch schwerwiegend.

Und es lässt sich ein weiterer Vergleich ziehen: Die Patienten, die durch Vorerkrankungen und/oder durch einen schlechten Allgemeinzustand vorbelastet sind, können weder dem Virus Corona noch dem Bakterium MRSA wirklich Lebenskraft entgegensetzen. Sie sterben nicht direkt an Corona oder an MRSA, sondern an sonstigen Umständen oder anderen Infektionen etwa aufgrund vorliegender Vorerkrankungen. Also sterben sie mit Corona oder mit MRSA.

Jedes Leben schützen und erhalten: Dies Ist ein Anspruch, den ich gerne unterschreibe. Wird jedoch aus meiner Hervorhebung der Unterschiede, die die Bundesregierung (insbesondere das Bundesgesundheitsministerium) hier vornehmen, nicht deutlich, wie wenig sie diesem Anspruch gerecht werden? Schlimmer noch: Wenn bekannt ist, dass es im Gesundheitswesen ohne weiteres möglich wäre, durch Prävention und Aufklärung und durch mehr hygienischen Aufwand pro Jahr etwa 30.000 Menschenleben vor dem Tod zu retten – und dann aus Kostengründen nichts dagegen unternommen wird: passt dies zu dem Anspruch, jedes Leben zu schützen und zu erhalten?

Im Fall von MRSA wurde diese Frage nie wirklich gestellt. Denn wenn sie gestellt wird, dann müssen auch prompte Maßnahmen erfolgen. Doch diese kosten Geld – das im Fall von Corona keine Rolle spielt, doch bei MRSA offensichtlich fehlt. Vor diesem Hintergrund frage ich mich nach den moralischen Werten, die unsere Politik dem Leben zuordnet. Bei Corona auf die eine Weise und bei MRSA auf die andere Weise, völlig entgegengesetzt zu handeln und eine so unterschiedliche Risikobewertung anzustellen: Ddas bringe ich nicht zusammen. Schon gar nicht, wenn die Bundesregierung diesen Leitspruch – jedes Leben schützen und erhalten – wirklich ernst nimmt. Dies sehe ich gegenwärtig nicht.

von Peter Joecken

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