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Kann Tierschutz „halal“ sein? 

 13. September 2020

von  Peter Joecken

Vor gut drei Jahren verhängten die beiden größten belgischen Regionen, Flandern und Wallonien, ein komplettes Verbot des Schlachtens von Tieren ohne vorherige Betäubung. Zuvor hatte es für das rituelle Schächten Ausnahmen gegeben.

Jüdische und muslimische Interessenverbände laufen seither gegen das Urteil Sturm, fürchten sie doch deshalb eine drohende Übertragung dieses Verbots für den Bereich der gesamten EU. Der Generalanwalt des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), Gerard Hogan, sieht nach einer gestrigen Pressemitteilung im flämischen Schächtverbot einen Verstoß gegen Unionsrecht. „Mitgliedstaaten könnten zwar strengere als die unionsrechtlichen Vorschriften erlassen, müssten aber die dort vorgesehene Ausnahme für religiöse Riten beachten“, heißt es in den am Donnerstag in Luxemburg veröffentlichten Schlussanträgen in Vorbereitung auf ein verbindliches EuGH-Urteil. Das bedeutet, dass das Schächten von Tieren aus „religiösen Motiven“ als Ausnahme erlaubt werden soll – während alle anderen Tiere vor ihrer Schlachtung zu betäuben sind.

Es ist ein heikles, hoch emotionales Thema. Tierschutz und religiöse Riten miteinander zu vereinbaren, erscheint im vorliegenden Fall nicht möglich, ohne die Gefühle einer der beiden Streitparteien zu verletzen. In dem Streit geht es aber auch um das unbetäubte Tier, dem beim Schächten mit einem Messer der Hals von der Kehle aus durchschnitten wird. Die Tiere leiden erhebliche Schmerzen, weil die Muskulatur des gesamten Halses inklusive aller Organe durchtrennt wird. Vielfältige wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass die Tiere keineswegs unmittelbar mit und durch den Schnitt sterben, sondern, dass ihnen eine Leidenszeit von mindestens noch 15 Sekunden, in Fällen des Schächtens größerer Tiere wie Rinder zum Beispiel sogar mehreren Minuten, bei vollem Bewusstsein zugemutet wird. Die Tiere durchleiden einen Todeskampf, mit höllischen Schmerzen, Atemnot und Panik, bis sie schließlich verbluten.

Schächten ist in Deutschland grundsätzlich nicht gestattet, da das Tierschutzgesetz das Schlachten von Wirbeltieren ohne vorherige Betäubung untersagt (Generalverbot mit Ausnahmeerlaubnisvorbehalt, § 4a TierSchG). Die Einfuhr von Fleisch im Ausland geschächteter Tiere ist hingegen legal. Doch hat in unserem Land die illegale Schächtung lebendiger Tiere – insbesondere seit Merkels Öffnung der Grenzen 2015 – stark zugenommen.

Diese Entwicklung hat bereits zu juristischen Auseinandersetzungen geführt; etwa im Lahn-Dill-Kreis in Hessen, wo ein muslimischer Metzger erfolgreich gegen das Schächtverbot klagte – das durch das Verwaltungsgericht Gießen 2019 dann faktisch aufgehoben wurde. „Jetzt ist das rechtmäßig, jetzt müssen die das dulden“, war damals der vielsagende Kommentar des klagenden muslimischen Metzgers Rüstem Altinküpe.

Seit Jahrzehnten streiten sich in Deutschland die diese Praxis befürwortenden Muslime und Juden mit den Verwaltungsgerichten um die Rechtmäßigkeit des Schächtens. Die Folge ist ein schier unglaublicher Verwaltungs- und Gerichtsaufwand, doch geholfen hat all das den Tieren am Ende nie. Das Leid ist nach wie vor da. Und daran wird auch ein EuGH-Urteil nichts ändern. Im Gegenteil – steuert dieses ja, in aller Offensichtlichkeit, auf eine Verbotsaufhebung zu.

Die Vertreter der klagenden Religionsparteien argumentieren mit der unbedingten Religionsfreiheit: „Obwohl die Religionsfreiheit in den Demokratien Europas als ein Grundrecht verankert ist, ist sie bedeutungslos, wenn Einzelpersonen und Gemeinschaften nicht die Freiheit haben, ihre Religion auszuüben“, mahnen sie, und erklären: Wer Muslimen das Halal-Essen oder Juden die koschere Kost verbieten wolle, „verstößt gegen die Kernprinzipien, für die Europa stehen sollte.“ Es scheint ein durch noch so differenzierte Abwägung von verfassungsmässigen Grundrechten und Tierrechten nicht auflösbarer Konflikt zu sein.

Ein großes Erschwernis liegt in dem Umstand, dass religiöse Vorschriften, in denen an mittelalterlichen Riten ohne Rücksicht auf das Schmerz- und Angstempfinden der Schlachttiere festgehalten wird, schlichtweg nicht wandlungsfähig zu sein scheinen. Doch genau dies wäre mein Ansatz zur Problemlösung: Die Menschen sollten ihre Haltung zu Religion, ihren ethischen Werten und den kulturellen Kontext ihrer Traditionen und Ritualen stets überprüfen und, wenn es erforderlich ist, auch anpassen.

Das haben wir Christen, wenn auch nur zögerlich, ebenfalls lernen müssen. Die Anpassung religiöser Vorschriften, Ansichten und Riten an die Moderne war möglich. Das Beharren auf aus meiner Sicht längst nicht mehr vertretbaren Ritualen und Gebräuchen wird auch weiterhin zu Konflikten mit der westlichen Rechts- und Werteordnung führen – es sei denn, es gelänge, mit Traditionen zu brechen. Ist das nicht möglich, werden die Konflikte weiter bestehen.

Denn außer Frage fest: So lange die Tiere beim Schächten bei vollem Bewusstsein bleiben, ist das eindeutig Tierquälerei. Ohne Wenn und Aber. Solange aber die Interessenverbände vor allem der Muslime keine Kompromissbereitschaft zeigen, die Tiere zum Beispiel vor dem Schächtungsvorgang durch ein Narkotikum zu betäuben und damit friedlich einschlafen zu lassen, so lange wird es diese Gegensätze geben.

Genau das bezeichnet den Konflikt, den wir in Europa nicht auflösen können, solange unserer Kultur und unserer mitteleuropäischen Identität von traditionellen Glaubensgemeinschaften nicht die geringste Bereitschaft zur Anpassung an unsere modernen Lebensverhältnisse entgegengebracht wird. Dass es hier zeitnah zu einem Umdenken, gar zu einer Änderungs- und Kompromissbereitschaft kommt, bezweifele ich. Und hier liegt meiner Meinung nach auch einer von vielen Gründen für die Unvereinbarkeit bestimmter Kulturen mit einem friedvollen, stabilen gemeinsamen Lebensraum in Deutschland und Europa.

Die Frage, ob Tierschutz „halal“ sein kann, lautet aus meiner Sicht Ja – solange die Tiere, die geschlachtet werden sollen, vorher betäubt werden und ihr Schmerzempfindung damit ausgeschaltet wird. Ob aber umgekehrt auch der Anspruch „halal“ mit dem Tierschutz vereinbar ist, also auch Sicht der Strenggläubigen? Hier lautet die Antwort: Nein. Denn Kompromissbereitschaft von Menschen aus diesen Kulturen wird schon durch den vielzitierten Überlegenheitsanspruch des Islam gegenüber anderen Religionen nicht zu erwarten sein. Denn weil der Islam aus ihrer Sicht die einzig wahre Religion ist, beugt er sich auch keinen anderen Werte- und Rechtsordnungen – so wie er uns als „Ungläubigen“ keinen Respekt schulden mag.

Die deutsche Gerichtsbarkeit könnte mit einem klaren und unmissverständlichen Totalverbot der Schächtung unbetäubter Tiere hier ein Zeichen setzen. Aber dazu – auch das ist leider ein gängiges Muster in unserem Land – fehlen ihr Mut und Wille.

So, wie das Gesetz jetzt verabschiedet werden soll, wird zwar einer Mehrzahl der Tiere erspart bleiben, unter unnötig großen Schmerzen ihr Leben lassen zu müssen – doch eben bis auf die, wie es in der gerichtlichen Anmerkung heißt, „Ausnahmefälle aus religiöser Motivation“. Und so bleibt eine Doppelmoral zurück, die angesichts unserer europäischen Kultur und Denkweise einfach nur heuchlerisch anmutet. Tiere sind weiterhin die Hauptleidtragenden von rituellen Zumutungen durch einzelne Religionen.

Von Peter Joecken


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  • Ganz exzellent geschrieben und die Kernprobleme auf den Punkt gebracht! Wollen wir hoffen (und beten), dass der Gesetzgeber doch noch den Mut aufbringt sich für das Tierwohl vernünftig einzusetzen. Ich bin mir sicher, dass sich entsprechende Richterinnen und Richter ihre Entscheidung leicht machen könnten, wenn sie das Schächten eines Tieres einmal in natura erlebten.

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