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Keltische Muster 

 26. August 2020

von  Maria Schneider

Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muß.
(Johann Gottfried von Herder)

Auch in Irland streckt die Globalisierung ihre Fühler aus und webt ein feines Gespinst aus immer festerem Zwirn, in dem die Iren zappeln werden.

Auf InisMór – einer der drei Araninseln, wo wir Urlaub machen -vermisse ich beim Frühstück die Irin, die letztes Jahr jeden Morgen unsere Bestellungen in ihrem typischem Englisch aufnahm, aus dem noch ihre eigentliche Muttersprache, das Irische, hervor klang. Verblasstes, rötliches Lockenhaar, blaue Augen und knittrige Porzellanhaut, ein baumelndes Doppelkinn und mütterliche Fülle, gepaart mit dem Charme der Authentizität. Jeder Posten wurde in großer, krakeliger Schrift gründlichst auf einem Block mit Kohlepapier notiert. Versuche einer beschleunigten Bestellung waren zwecklos und verursachten nur eine Verlängerung des Vorgangs. Aber wer wollte auch ein solches Faktotum schon zur Eile drängen?

Nach Bestellabschluss schnappten wir hin und wieder ihre irischen Zurufe in Richtung Küche auf und lauschten fasziniert ihren Unterhaltungen mit dem großen, behäbigen Chef, der nur im Frühstückraum Anzughosen trug und nachmittags in lapprigen Jogginghosen (deren beste Zeiten wohl im Dunkel der irischen Geschichte lagen) und zumeist irischen Kutschern schwatzend an unterschiedlichen Straßenecken anzutreffen war. Akustisch abgerundet wurde das Frühstück durch irische Lieder in Endlosschleife.

Wie schon letztes Jahr sind wir wieder im Pier House abgestiegen. Der Chef mit seinem tiefen Bass und seine Frau führen den Laden immer noch. Der Sohn mit strahlend blauen Augen und schwarzem Haar ist dem Chef wie aus dem Gesicht geschnitten und macht nun die Gästeverwaltung. Auch die CD spielt jeden Morgen die gleichen irischen Lieder. Nur unser irisches Faktotum ist – wie gesagt – weg. Stattdessen wechseln sich nun eine Chilenin und eine Spanierin ab.

Die Chilenin ist liebreizend und hat natürlichen Charme, ihr schwarzes Haar glänzt wie Lack und ist in einem schönen Pferdeschwanz mit einem bunten Tuch zurückgebunden. Stets liegt ein Lächeln auf ihren Lippen. Sie ist nun schon den zweiten Sommer hier, um Englisch zu lernen. Zuerst war sie in Dublin, wo ein WG-Zimmer 400 Euro im Monat kostet. Das konnte sie sich nicht leisten, also verschlug es sie auf InisMór, wo knarzige, irische Fährmänner sie beim Frühstück anhimmeln und jeden Morgen das Gespräch mit ihr suchen.

Die Spanierin trägt die untere Hälfte ihres dunkelbraunen Haares ausrasiert. Bei der oberen Hälfte hat Pappheldin Carola Rackete Patin gestanden. Auf ihrem Kopf thronen verschlungene Dreadlocks in verschiedenen Farbschattierungen. Bunte Bändchen an ihrem Handgelenk runden das politische Statement ab. Zwar bemüht sie sich um Freundlichkeit, doch ihr hartes, hageres Gesicht ermutigt nicht zum weiteren Gespräch. Die Fährmänner und Touristen ertragen sie mit resignierter Fassung.

Hin und wieder bedient uns auch eine Irin, die um die 50 Jahre alt ist. Sie hat kurzes, dunkles Haar und dunkelblaue Augen. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, weiß ich wieder, warum ich hier bin. Sie gehört hierher und hat, wie der Chef und seine Familie, ihr ganzes Leben auf der Insel verbracht. Sie interessiert sich für die Gäste und strahlt Herzlichkeit aus, während die beiden Südländerinnen wie Satelliten ihren Dienst verrichten, die zufällig in eine andere Umlaufbahn geraten sind. Ob sie nun in Irland oder anderswo ihre Aushilfstätigkeit verrichten, scheint für sie keine große Rolle zu spielen.

Dieser Eindruck bestätigt sich immer wieder. Sei es in der In-Kneipe Joe Watties, wo ein Osteuropäer bedient, oder im feineren Restaurant Madigan’s, wo mir ein Franzose mit dünnem Moustache und starkem Akzent erklärt, dass er seit dreiJahren durch die Welt reist und verschiedene Jobs macht. Nein, er wolle sich nicht niederlassen. Überall und nirgends zu sein sei seine Lebensentscheidung. Ich schlucke angesichts der bewußt gewählten Heimatlosigkeit und empfinde es zudem wieder einmal als Zumutung, dass ich meine Bestellung wiederholen muss, weil er die Landesprache im Gegensatz zu mir nur unzureichend beherrscht. Aber so ist es nunmal – das Leben als Wanderer zwischen den Welten. Überall ein bisschen zu Haus’ und doch mit nichts so richtig vertraut.

Beim zweiten Besuch des Restaurants bedient mich sein Landsmann, ein weiterer Weltenbummler. Diesmal könnte ich genauso gut in Frankreich sein. Weder versteht er mein perfektes Englisch, noch kann ich das Dickicht seines französischen Akzents durchdringen.

Wir besuchen reihum die vier Restaurants auf der Insel und landen wieder einmal in „The Bar“. Dort führe ich meine persönliche Statistik an fremdländischen Bedienungen weiter. Eine junge Frau mit zwei Zöpfen, die recht gut englisch spricht, stammt aus Tschechien. Sie erklärt mir, dass sie den dritten Sommer hier sei und in fast allen Restaurants in der Küche Slowenen und Slowaken kochen würden. Ich höre und staune angesichts der vielen jungen Heuschrecken-Menschen aus der ganzen Welt, die nach dem Prinzip „Überall zu Hause und nirgends daheim“ leben: Bindungslos, heimatlos, auf den eigenen Vorteil bedacht, desinteressiert an der eigenen und neuen Heimat und jederzeit auf dem Sprung, um in attraktivere Gefilde weiterziehen.

Nach dem Mittagessen nehmen wir im kleinen Souvenirladen einen Espresso, der vom italienischen Eigentümer zubereitet wird. An der Theke sitzen zwei Italienerinnen und zwei Amerikaner. Alle vier sind sich einig, dass Trump und Salvini ungebildete Rassisten seien. Ich horche auf und mustere sie heimlich. Der Amerikaner im Hippie-Look geht auf die 70 zu, seine Latina-Freundin mit cooler Schirmmütze ebenso. Beide umgibt die klassische Woodstock-Aura. Fast meine ich, Patschuli zu riechen. Er erläutert den Italienerinnen, dass seine Verwandten in Texas Trump-Wähler, Rassisten und Kleingeister seien. Deswegen würde er nicht mehr mit ihnen sprechen, da Hopfen und Malz bei ihnen verloren seien. Ja, denke ich, so einfach kann die Welt sein, wenn man gerade auf der Welle der Deutungshoheit segelt und den Balken im eigenen Auge ignoriert.

Die Italienerinnen stimmen vehement zu. Sie sind schön und jung mit obligatorischer Sonnenbrille im langen Haar. Mein Blick sucht vergebens Halt auf ihren glatten Gesichtern, an denen abweichende Meinungen zu ihren Überzeugungen abzuperlen scheinen.

Was soll man zwei neofeudalen, unwissenden Frauen sagen, die wütend auf ältere Männer sind, weil sie ihnen ihr Privileg, nach Bedarf die schönsten Ecken der Welt abzugrasen, wegnehmen wollen? Es ist vergebene Liebesmüh’, ihnen zu erklären, dass so etwas noch nie funktioniert hat. Schon gar nicht für all jene – Bauern, Arbeiter, einfache und heimatverbundene Menschen – die sie doch mit ihrem Salon-Sozialismus zu beschützen meinen.

Die ganze Welt verändert sich im rasenden Tempo. Mir schwirrt der Kopf. Ich weiß gar nicht mehr, wohin ich mich noch wenden soll, da so viel Altvertrautes entgleitet. Sogar eine so entlegene Insel wie InisMór bleibt vom globalen Wandel nicht verschont. In mir steigt Trauer auf. Trauer über den Verlust meiner alten Welt der Gewissheiten. Trauer über den Verlust des echten, authentischen Irlands, der sich am Horizont abzeichnet. Trauer darüber, dass alles geht und nichts mehr gilt.

Noch geschehen die Änderungen unterschwellig, unmerklich. Denn nicht nur das Land ist herrlich grün und fruchtbar, die Frauen sind es auch. Überall sehe ich junge Familien mit blonden, entzückenden Kindern. Weithin leuchten rote Schöpfe wie Kupfer. Noch kommen die Fremden aus Europa und anderen christlichen Ländern. Und noch ist der keltische Teppich – zumindest auf dem Lande – intakt. Doch Städten wie Dublin sind schon Webfehler zu sehen, die das ursprüngliche Muster verzerren. Die Frage, die sich nun stellt, ist: Wann wird auch hier das Muster so verändert sein, dass es seine Einzigartigkeit verliert?

Nach elf Tagen auf der mystischen Insel InisMór ziehen wir wehmütig weiter. Der Wirt erwartet mich im Gastraum, um sich von mir zu verabschieden. Seit uns der Border-Collie „Fred“ – ohne uns zu fragen – adoptiert und auf Schritt und Tritt begleitet hat, haben wir auf der Insel eine gewisse Berühmtheit als seine Hüteobjekte erlangt und sogar den herben Wirt erweicht. Er beugt sich zu mir hinab und gibt mir unerwartet einen Wangenkuss, die Wirtin ermahnt mich, nicht zu viel zu arbeiten und die irische Bedienung tätschelt meinen Arm.

Fred steht schon ungeduldig bei Fuß, um uns auf unserem letzten Wegabschnitt zu geleiten. Gewissenhaft erledigt er auch diese Aufgabe bis zur Fähre. Danach dreht er sich um, läuft ein Stück und blickt gelassen zu uns zurück, bevor er sich im Menschengetümmel verliert.

Wir halten es wie Fred und werfen nur einen kurzen Blick zurück. Danach schauen wir nach vorne, denn wir wissen: Wir kehren wieder auf „unsere“ Insel zurück.

Von Maria Schneider (August 2019)

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  • Hallo Maria Schneider,

    sehr gut beschrieben – aus Ihrer Sicht. Nur, wie kann es sein, dass Sie, als deutsche Touristin sich über die Globalisierung echauffiert, um gleichzeitig für sich selber diese Privileg in Anspruch zu nehmen. Sie nehmen sich doch auch das Recht heraus, Ihre geliebten Iren mit Ihrer Anwesenheit zu belästigen. Da ist es doch nur konsquent von den Iren, das sie Köche und die Bedienungen auch aus dem Ausland einkaufen. Ausländische Touristen besuchen Irland und werden von Ausländern bedient. Wo ist das Problem.

    Positiver Nebeneffekt – die Iren können unter sich bleiben und ihre Kultur pflegen. Das nennt man Heimatliebe – ist also nur Konsequent.

    Peter

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