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Oma liegt im Sterben, die Kommunion fällt aus 

 8. August 2020

von  Maria Schneider

Im Dezember 2019 ließ uns meine Schwester Anna – die seit unserer Kindheit auch auf den Spitznamen „Feldwebel“ hört – ihre neueste Befehlsausgabe zukommen: „Am 11. April 2020 hat Heidi Kommunion. Tragt das in Euren Kalender ein und kommt!!“

Meine Schwester Anna hat vier Kinder und ist überzeugte Profi-Hausfrau. An den Kindern sieht man das Resultat ihrer strengen und liebevollen Erziehung. Sie sind wohlerzogen, gebildet, ehrgeizig und höflich.

Zeitgleich mit dem Kommando zur Kommunionteilnahme wurde bei Annas Schwiegermutter Elsa Krebs diagnostiziert. Sie ist 89 Jahre alt und trägt ihr langsames Sterben mit Fassung. Ganz anders ihr einziger Sohn – mein Schwager. Als Mediziner versuchte er alles, um seine Mutter am Leben zu halten. Die weigerte sich aber. Lediglich ein paar Bestrahlungen stimmte sie widerwillig zu. Ihr einziger Wunsch war es, die Kommunion meiner Nichte Heidi am 11. April noch mitzuerleben – und dann in Ruhe zu sterben.

Dann brach Corona über uns herein. Seitdem ist nichts mehr wie es war. Meine Schwester unterrichtet nun seit Wochen ihre vier Kinder zu Hause, kocht, bügelt, wäscht und koordiniert. Über Nacht musste sich die Familie mit Zoom, Goto-Meeting und sonstigen virtuellen Kommunikations-Apps vertraut machen.

Die Oma wohnte nur ein paar Straßen weiter. Zusätzlich zur Hausaufgabenkoordination und -kontrolle, den regelmäßigen, virtuellen Elternmeetings, dem täglichen Ausdrucken der Hausaufgaben und den Erläuterungen der Übungen für die beiden Grundschulkinder kam für meine Schwester Anna nun auch noch die Betreuung von Oma Elsa dazu.

In den ersten Corona-Wochen hielten Anna und ihre Kinder einen gewissen Abstand zur Oma, trugen jedoch nie irgendwelche Masken. Nach den ersten Lockerungen holten sie Oma Elsa jeden Tag zu sich, weil sie zusehends schwächer wurde. Mein Schwager brachte sie abends nach Hause und übernachtete bei ihr.

Dann kam die Mitteilung, dass die Kommunion ausfallen würde. Für meine Schwester Anna und meine Nichte Heidi brach eine Welt zusammen. Diesmal lautete Annas knappe Nachricht, „Unsere Kommunion ist verschoben!!“, garniert mit entsetzten Smileys. Verständlich: Im April hätte die Oma noch daran teilnehmen können; den neuen Termin im September wird sie nicht mehr erleben.

Anfang Mai – nach Wochen des Hausarrests – setzte ich mich zweieinhalb Stunden mit Maulkorb in die S-Bahn und fuhr zur Geburtstagsfeier meiner Nichte Heidi. Dort traf ich auch wieder die Oma.

Oma Elsa hatte gemeinsam mit ihrer Mutter meinen Schwager alleine großgezogen. Als veritable „WDR-Umweltsäue“ kamen sie in der Nachkriegszeit wochenlang ohne Geld aus und versorgten sich alleine aus dem Garten. Omas saure Gurken sind Legende und ihre Kirschmarmelade ein Traum. Auch an diesem Geburtstag hatte sie es sich nicht nehmen lassen und gemeinsam mit der 15-jährigen, ältesten Nichte ein letztes Mal ihren wunderbaren Apfelkuchen gebacken.

Wir alle wußten, dass dies das letzte Mal sein würde, an denen wir sie im Kreise der erweiterten Familie sehen würden, und ließen sie erzählen. Als junges Mädchen war sie in ein katholisches Seniorenheim beordert worden, um dort mitzuhelfen. Dort machte sie auch eine Lehre als Weißnäherin. Als ich sie fragte, warum gerade sie dafür ausgewählt worden war, erklärte sie, dass sie die ideale Kandidatin gewesen sei: Groß, blond und blauäugig.

Sie erklärte aber auch, bezogen auf die ebenfalls von WDR-Journalisten kreierte Seniorenverunglimpfung als „Nazi-Säue“, wie unerträglich es für sie sei, dass nun sogar die Enkel wegen des 2. Weltkriegs gegen ihre Großeltern aufgehetzt würden, wo sie doch selbst damals noch Kinder oder viele von ihnen noch gar nicht geboren waren.

Ich schaute mir die Oma genauer an, wie sie da so gefaßt und aufrecht am Kaffeetisch saß. Sie war nur noch Haut und Knochen und mußte am Stock gehen. Ihre Knöchel waren dick geschwollen und sie hatte starke Schmerzen. Dennoch war ihr Verstand glasklar und man sah ihr an, wie froh sie war, an diesem Tag im Kreise der Familie zu sein.

Ein paar Tage später rief ich meine Schwester an. Sie konnte vor Erschöpfung kaum sprechen, weil sie seit 6 Uhr wach war und folgendes Pensum erledigt hatte:

Kind zum Schulbus gebracht, dann zum Bäcker, Essen für Oma gemacht, Kind von der Schule geholt, Essen für Kinder gemacht, Pflegedienst für Oma koordiniert, mit der Krankenkasse diskutiert, regelmäßig mit Oma telefoniert, nochmals 2 Stunden mit der Krankenkasse wegen Inkontinenzversorgung der Oma diskutiert, Kinder hin und her zu Oma geschickt, an letzter Kommunion und Krankensalbung teilgenommen, Windeln der Oma gewaschen, Abendessen gemacht, Kinder ins Bett gebracht usw. Dazu noch die tägliche Hausaufgabenkoordination.

Inzwischen konnte die Oma nicht mehr laufen und war bettlägerig. Die Kinder wußten schon lange Bescheid, dass die Oma bald sterben würde, da meine Schwester sie immer wieder auf den nahenden Tod vorbereitet hatte. Dennoch wurde mein 10-jähriges Patenkind Fanny eines Abends plötzlich von der Erkenntnis der Endlichkeit des Lebens überwältigt: Mitten während einer Autofahrt brach sie in Schluchzen aus und steckte damit die ganze Familie an. Seitdem kümmerten sich alle noch rührender um die Oma.

Mitte Juni 2020 starb die Oma schließlich friedlich in ihrem Bett. Sie bekam einfach keine Luft mehr, und hörte dann auf zu atmen. Meine Schwester und mein Schwager waren dabei und meine Nichten und Neffen streuten Blumen und sangen für sie Lieder, bis sie schließlich abgeholt wurde.

Oma Elsa war nicht einmal mehr in den Genuss einer Matratze gekommen, um Druckstellen durch das Liegen zu vermeiden: Die Krankenkasse, die sich ansonsten bei Versorgungsleistungen für die Behandlung etwa von Flüchtlingen mit unbürokratischer Großzügigkeit überschlägt, hatte die Bearbeitung des Antrags erfolgreich ausgesessen; mit dem Sterbefall hatte sich dieser erledigt.

Auch die verschobene Kommunion wird die Oma nun nicht mehr erleben. Fragen tauchen auf wie diese: War es das wirklich wert? Wog der Schutz vor Corona wirklich schwerer als die Teilhabe am sozialen und familiären Geschehen in den letzten Lebensjahren?

Oma Elsa, die wie so viele andere alte Menschen nie gefragt wurde, ob sie wegen ihres Alters isoliert werden wollte, würde darauf sicherlich mit „nein“ antworten. Denn manche Dinge lassen sich weder verschieben noch nachholen. Das Leben passiert einfach – genauso wie das Sterben.

Als ich mich damals nach dem Kaffeetrinken von Oma Elsa verabschiedete, sagte sie in ihrer betont sachlichen Art: „Das wird das letzte Mal sein, das wir uns sehen…“ und ließ sich von meiner Nichte an die Tür bringen. Ich schaute ihr nur hinterher und dachte mir: Wie gut, dass ich gekommen bin. Von solchen Omas kann man vieles lernen. Im Leben wie im Sterben.

von Maria Schneider

Den Beitrag finden Sie auch als Podcast unter:
https://www.hallo-meinung.de/podcast-die-oma-liegt-im-sterben-die-kommunion-faellt-aus/?


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  • Was ein Glück dass diese Familie trotz Corona ihre Oma weiter besucht hat möchte nicht wissen wieviel Senioren in ähnlicher Lage die letzten Tage isoliert verbringen mussten, dass nennt man dann Schutz, es macht mich traurig das diese Frau ihren Wunsch bei der Kommunion dabei zu sein nicht erfüllt bekam.

  • Eine berührende Geschichte. Meine „Oma Else“ war meine Schwiegermutter, und gottseidank gab es damals noch kein „Corona“, als wir alle fühlten, daß wir uns verabschieden müssen. Die ganze Familie konnte mit ihr noch meinen runden Geburtstag feiern, im Bewußtsein, es würde mit ihr die letzte große Feier sein. Drei wunderbare Tage wurden es im Kreise ihrer großen Familie. Leider hat ihre unverheiratete Tochter, die immer an Schwiegermutters Seite lebte, nicht soviel Glück. Nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, stürzte sie genau zu Beginn der „Corona-Hysterie“, landete mit einem Oberschenkel-Halsbruch im Krankenhaus, und für uns Anverwandte und sie gibt es momentan eine schwere und für sie auch einsame Zeit! Es gehört eine Menge Selbstbewußtsein dazu, sich hier durchzusetzen, aber selbst das Pflegepersonal drückt oft ein Auge zu oder „sieht uns nicht“, wenn wir anwesend sind! So langsam merkt wohl auch der Letzte, was hier unnötig für menschliches Leid verursacht wird.

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