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Unser Gesundheitssystem auf dem Prüfstand – Teil 3 Das Gesundheitswesen in Deutschland ist gut, aber es ist ein bürokratisches Monster 

 8. Mai 2020

von  Peter Joecken

Es ist schon verwunderlich, dass unsere Gesellschaft die Gesundheit zwar als „höchstes Gut“ postuliert, aber gleichzeitig nicht bemerkt, dass die Politiker in Berlin mit diesem Gut mehr als unverantwortlich umgehen.

Ich habe seit Beginn der 70er Jahre in deutschen Krankenhäusern auf allen Hierarchieebenen gearbeitet. Es gab kein Jahr, in dem es von Seiten der Politik nicht Ansätze zur „Systemveränderung“ gab. Die Kliniken in unserem Land standen immer in der Kritik, „Preistreiber“ der Nation zu sein.

Jede neue Regierung, jeder neue Gesundheitsminister, jede neue Gesundheitsministerin glaubten, am deutschen Gesundheitswesen „herumdoktern“ zu müssen.

Das ist auch nicht verwunderlich, denn mit 379 Milliarden Euro Ausgaben pro Jahr leisten wir uns ein Gesundheitssystem, das im Vergleich zu anderen Ländern tatsächlich als „exzellent“ zu bezeichnen ist.

Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen:

379 Milliarden Euro bedeuten etwa 13 Prozent der Bruttoinlandproduktivität unseres Landes.

Um es noch plastischer darzustellen:

Wir geben für das Gesundheitswesen soviel Geld aus, wie etwa Länder in der Größenordnung Österreichs oder Irlands für ihre gesamten Staatshaushalte. Das deutsche Gesundheitssystem ist das viertteuerste in der Welt – übertroffen nur von den USA, der Schweiz und Frankreich. Trotzdem leben die Menschen in unserem Land nicht länger als die Menschen in anderen Staaten. Als Ursache konstatierte schon vor Jahren der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen eine „Über-, Unter- und Fehlversorgung“ der Patienten.

Im Medizinsektor, der jeden zehnten Euro (!) erwirtschaftet und über vier Millionen Menschen beschäftigt, gibt es eine gigantische Fehlsteuerung, falsche Anreize und Verschwendung.

Auf zehn Milliarden Euro taxierte bereits 2018 das Essener Forschungsinstitut RWI die Effizienzreserven, andere sprechen gar von 30 bis 40 Milliarden. Die Politik scheitert beim Sparen seit Jahrzehnten wegen der angeblich übermächtigen Gesundheitslobby.

Ein Bundesministerium, 16 Länder-Sozial- und Gesundheitsressorts, pro Bundesland mindestens eine Kammer jeweils für Ärzte und Apotheker, Pflegekammern, dazu die Vereinigungen von Kassenärzten und Kassenzahnärzten, Ärzteverbände, gut 100 Krankenkassen sowie ihre Organisationen und Spitzenorganisationen, außerdem etliche Bundesbehörden:

Das Gesundheitswesen ist ein bürokratischer Moloch mit Tausenden von Funktionären und Entscheidern, die meisten hoch dotiert. Sie arbeiten immer aufs Neue daran, Krankenhausbetten, Ärztedichte oder Medikamentenbedarf zu planen, entsprechend mangelt es an Marktpreisen und Transparenz. Stattdessen gibt es Abrechnungsziffern, Honorardeckel, Punktwerte, Hebesätze, Fallpauschalen oder einen morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich. Und für fast jeden Vorgang ein oder mehrere Formulare.

Hinzu kommt eine vor allem in den vergangenen beiden Jahrzehnten aufgebaute Misstrauenskultur zwischen den „geldgebenden“ Strukturen wie Krankenkassen, Bundes- und Landespolitik auf der einen Seite und den um ihre Existenz kämpfenden Kliniken auf der anderen Seite. Der Höhepunkt dieser „Misstrauensorgie“ ist der Aufbau der Überprüfungsstrukturen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen, die sämtliche Abrechnungsvorgänge der Kliniken überprüfen und nach undurchsichtigen Kriterien auch wirtschaftlich sanktionieren.

Das führt innerhalb der Kliniken zu einem Rattenschwanz an Nachweisdokumentation, die weit über das, was wirklich aus juristischer und forensischer Sicht benötigt wird, hinausgeht. So verbringt eine Pflegekraft durchschnittlich pro Arbeitstag etwa 2,5 Stunden nur damit, ihre Arbeit zu begründen und zu dokumentieren.

Für den Ärztlichen Dienst in den Kliniken ergibt sich hierfür ein noch höherer Anhaltswert. Er liegt bei etwa drei Stunden ärztlicher Dokumentation pro Tag!

Innerhalb der Kliniken haben sich gegen den Überprüfungswahn des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen ganze Armeen von „erlössichernden“ Abteilungen rekrutiert. Mir liegen keine genauen Zahlen vor, weshalb ich hier nur eine Schätzung aus meiner Sicht abgeben kann, aber ich denke, dass pro 100 Krankenhausbetten auf der Krankenhausseite mittlerweile zwei Mitarbeiter dafür verwendet werden, um die „Erlössicherung“ zu wahren.

Dafür leisten wir uns dann, umgerechnet auf Bundesniveau, etwa 10.000 Medizincontroller bzw. Codierexperten in den Krankenhäusern, die so der direkten Patientenversorgung vorenthalten werden.

Es verwundert kaum, dass der blinde Sparzwang nicht an den Schwachstellen des Systems ansetzt, sondern an den „Schwachen“ im System. Bei den Patienten und bei den Mitarbeitern, insbesondere denen der Pflege.

Derzeit fehlen etwa 60 000 Pflegekräfte. In zehn Jahren wird es 1,5 Millionen Menschen mehr geben, die Pflege benötigen. Wir sehen tatenlos zu, wenn unsere gut ausgebildeten Pflegekräfte nach Luxemburg oder in die Schweiz abwandern, weil sie dort anständig behandelt und bezahlt werden. Im Umkehrschluss aber zieht Herr Spahn durch die Welt, gar bis nach Mexico, um dort Pflegekräfte anzuwerben.

Ist das nicht eine unglaubliche Missachtung der für unsere Pflegenden notwendigen Anerkennung und Wertschätzung auf höchster politischer Ebene?

Warum wird die Pflege in unserem Land ohne Wertschätzung, Stellenwert und Dankbarkeit behandelt? Man schaue sich das unwürdige „Geschachere“ um die 1500 Euro „Coronaprämie“ nur an. Davon will schon heute niemand mehr was wissen.

70 Prozent der Kosten einer Klinik sind Personalkosten. Die medizinische und pflegerische Versorgung der kranken Menschen steht in höchster Abhängigkeit zu den vorhandenen Personalressourcen. Da die Stellen für die Pflege den größten Anteil an den Klinikbudgets haben, ist dort auch das größte Sparpotenzial für Kliniken, die wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand stehen.

Die Pflege ist deshalb der große Verlierer in diesem unwürdigen Spiel, das die Bundespolitik mit den deutschen Krankenhäusern betreibt.

Nicht umsonst habe ich zum Beginn meines heutigen Beitrag über das Gesundheitswesen die Dimensionen aufgezeigt, die unserer Gesellschaft für Gesundheit zur Verfügung stehen. 379 Milliarden Euro, von denen ein großer Teil unwirtschaftlich und ineffizient in tiefe, schwarze Löcher von Überregulierung, Misstrauensbürokratie und Lobbybefriedigung verschwindet…

Unser Gesundheitssystem ist nicht „exzellent“, wie derzeit vielfach behauptet wird. Ich finde, dass es gut ist.

Aber nicht, weil soviel Geld dafür ausgegeben wird, sondern weil es von den Menschen lebt, die in ihm arbeiten. Die Pflegekräfte, die Mediziner, die Berufe, die im Krankenhauswesen unverzichtbar geworden sind und die Mitarbeiter, die die Rahmenbedingungen für die Kliniken sicher stellen.

Der finanzwirtschaftliche und lobbyistisch abhängige Milliardenbetrieb Gesundheitswesen sollte aber auf den „Prüfstand“ gestellt werden. Die Unwirtschaftlichkeitspotenziale liegen nicht in den Klinken. Sie liegen ganz woanders…

Von Peter Joecken

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