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Unser Gesundheitssystem auf dem Prüfstand – Teil 4 Pflege kann jeder? Bezahlt endlich die Leute anständig, die wir so dringend brauchen! 

 15. Mai 2020

von  Peter Joecken

Am 12 Mai war internationaler Tag der Pflege. Seit ich mich erinnern kann gibt es diese Tage. Jedes Jahr. In fast jedem Land.

In Deutschland ist es jedes Jahr das Gleiche. Die Pflege macht auf sich aufmerksam. Sie stellt sich dar. Sie zeigt, dass sie auf dem Weg ist, sich als Berufsgruppe, die man traditionell mit den Attributen Barmherzigkeit, Unentgeltlichkeit, Nächstenliebe und Aufopferung belegt, zu professionalisieren.

Leider findet diese berufspolitische Loslösung von gesellschaftlichen Klischeevorstellungen immer noch im Schatten, fast unbemerkt, statt. Kaum jemand, der gerade in diesen Tagen die „Systemrelevanz“ der Pflegenden in Deutschland hervorhebt, weiß wirklich, was hinter dem Begriff „Pflege“ eigentlich steht.

Wen wundert es, wenn schon die „hohe Politik“ nicht weiß, wovon sie spricht, wenn sie dann mal von der Pflege redet. Satt, sauber und zufrieden müssen sie sein, die Patienten. Und das ist Aufgabe der Pflege.

Ich glaube, dass kaum jemand sich mal die Mühe gemacht hat, sich den Lehrplan der Gesundheits- und Krankenpfleger/innen anzuschauen. Das ist alles Andere, als nur satt, nur sauber und nur zufrieden.

Die Ausbildungsinhalte sind schon immer sehr, sehr anspruchsvoll gewesen und man kann diesen Beruf nicht nebenbei erlernen. Die Ausbildung ist darauf ausgerichtet, Pflege als eigenständiges, wesentliches Handlungsfeld im Prozessablauf des Krankenhauses oder der Einrichtung zu etablieren.

Etwa 1500 Stunden theoretischer Unterricht, etwa 2500 Stunden Praxiseinsatz führen eine Fachkraft in der Pflege zum Abschlussexamen. Mit großer Motivation gehen sie nach bestandener Prüfung in den Berufsalltag. Die meisten merken schon innerhalb der Praxisausbildung, dass die Pflegewirklichkeit mit dem, was sie in der Ausbildung lernen, nicht übereinstimmt. Um es vorsichtig aus zu drücken.

Pflege ist gerade in den vergangenen Jahren durch die Sparpolitik der Bundesregierung zu einer unglaublichen, kaum mehr vertretbaren Belastung für jeden Einzelnen geworden.

Da verwundert es keineswegs, dass die Motivation, nach der Ausbildung einen qualifizierten, anerkannten Beruf auszuüben, im Alltag sehr schnell bröckelt.

Viele arbeiten in Arbeitsfeldern, für die sie nicht zuständig sind, nimmt man den Lehrplan aus der Ausbildung als Maßstab. Sie müssen, personell unterbesetzt, den Organisationablauf auf den Stationen, in den Abteilungen irgendwie aufrecht erhalten. Ihn stützen, sich in die Bresche werfen, wo es hakt. Sie müssen sich mit Assistenzarbeiten für den ärztlichen Dienst herumschlagen. Oft ist es so, dass sie Organisationsprobleme der Ärzte ausbügeln müssen.

Die meisten arbeiten in Teilzeit, in Schichtdiensten, an Wochenenden, an Feiertagen, Tag und Nacht. Und das für ein Lohnniveau, das im Durchschnitt unter dem liegt, was beispielsweise ein Mechatroniker in der Autoindustrie verdient. Sie legen sich krumm, erledigen ihre Arbeit, soweit möglich, mit Hingabe und Einsatz. Sie kümmern sich um Menschen, die sie brauchen, effektiv und ohne Aufhebens. Genau wie früher.

Ich habe in den Jahren meiner administrativen Funktion im Management der Pflege etwa 1000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Pflege durch „altersbedingte Fluktuation“ verabschiedet. Soweit ich mich erinnern kann, war nicht eine einzige Pflegekraft dabei, die das reguläre Rentenalter von 65 Jahren erreichte. Alle andere sind auf dem Weg dahin regelrecht auf der Strecke geblieben. Burn-Out, körperlicher Verfall, massive Rückenprobleme und Schlafstörungen zeugen als Ergebnisse der kaum vorstellbaren Belastungen davon, dass die „Systemrelevanz“ zwar berechtigt ist, aber niemand aus der Politik reagiert darauf.

Sie machen einfach. Und sie klagen nicht.

Und genau das ist der Punkt, an dem sie jetzt, nach den Erfahrungen in der Coronakrise, ansetzen müssen. Sie müssen sich wehren.

Vor allem gegen das Klischee, „Pflegen kann jeder“, gegen die Hinhaltetaktik der Politik, die immer nur davon spricht „Wir müssen was für die Pflege tun“. Gegen die Gesellschaft, die die Pflege nur dann anerkennt, wenn sie gebraucht wird.

Beifallklatschen und „Coronaprämie“ verbessern nichts Grundlegendes an dieser Situation. Man sieht ja an der Problematik, sich zum Versprechen dieser lächerlichen Einmalprämie zu bekennen und wenigstens das mal in die Umsetzung zu bringen, die Unfähigkeit der Handelnden, allen voran natürlich Jens Spahn.

Spahns „Geistesblitz“, in Mexico, Albanien und anderen Ländern „Fachkräfte“ zu gewinnen, um den Notstand in Deutschland zu lindern, empfinde ich als Frechheit. So löst man keine strukturellen Probleme einer wichtigen Berufsgruppe. Als ob die Mexikaner und die Albaner ihre Pflegekräfte nicht selber brauchen würden…

Meiner Überzeugung nach muss es möglich sein, kurzfristig die Personalsituation der Pflegenden in Deutschland zu verbessern. Das ist zunächst eine Frage der Finanzierung. Pflege muss besser ausgestattet werden und deutlich höher vergütet werden.

Und es müssen Veränderungen in unserem Gesundheitssystem erfolgen. Beispielsweise müssen die Krankenhäuser davon befreit werden, ständig unter „Volllast“ zu arbeiten und gleichzeitig Bürokratie- und Dokumentationswahnsinn zu betreiben.

Das unselige Fallpauschalensystem DRG muss unverzüglich aus den aus den Kliniken verbannt werden.

Eine grundlegende Reform ist unausweichlich.

Aber zuallererst sollten die dringendsten Probleme gelöst werden. Und dazu gehört eine praxisgerechte Personalausstattung in der Pflege und eine bessere Vergütung.

1500 Euro „Coronaprämie“? Abgesehen davon, dass jetzt niemand für die Finanzierung dieser lächerlichen Summe aufkommen möchte, können die, die sie generös angekündigt haben, es sich sowieso sparen.

Die Pflege hat es nicht verdient, mit Almosen abgespeist zu werden. Begreift das endlich!

von Peter Joecken

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