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Vergiftete Sprache im gesellschaftlichen Umbruch: Und die normalen Bürger sind mittendrin 

 18. Mai 2020

von  Thomas Paulwitz

Der Ton wird rauer. „Covidioten!“ – „Verschwörungstheoretiker!“ – „Aluhutträger!“ So schallt es auf der einen Seite. „Schlafschafe!“ – „Volksverräter!“ – „Coronoia!“ Das hört man von der anderen Seite. Dazwischen: ganz normale Bürger. Wenn in die öffentliche Debatte in wachsendem Maße Schimpfwörter einziehen, dann ist das für aufmerksame Sprachbeobachter stets ein untrügliches Zeichen: ein gesellschaftlicher Umbruch ist im Gange.

Die alten Machtverhältnisse sind in Frage gestellt. Die politischen Akteure kämpfen daher um die Deutungshoheit. Sprache ist Macht. Wem es gelingt, markante Wörter und Worte zu prägen, kann das den Fortgang einer Diskussion maßgeblich beeinflussen. Das Wort von der „zweiten Welle“ etwa ist ein starkes Bild. Es löst Ängste aus, weil niemand weiß, wann, wie und ob sie überhaupt kommen wird. Diese Ängste können ein bestimmtes erwünschtes Verhalten begünstigen. Die Wendung „neue Normalität“ wiederum verbindet die Sehnsucht, zu geregelten Verhältnissen zurückzukehren, mit dem Wunsch, neu anzufangen. Sie kann aber zugleich auch die Bereitschaft fördern hinzunehmen, dass sich das Leben ändert.

Je unsicherer jedoch die eigene Machtposition ist, desto schärfer wird die Wortwahl. Mitunter reicht sie bis hin zur Beleidigung. „Danke für nichts, ihr Vollpfosten“, twitterte etwa Martin Hagen. Der politisch verhältnismäßig unbedeutende bayerische Fraktionsvorsitzende der Freien Demokratischen Partei (FDP) drückte so seinen Unmut über die Grundrechte-Demonstration am Münchner Marienplatz aus, zu der am 9. Mai 3.000 Bürger gekommen waren.

Gerade die Demonstrationen dieses Wochenendes führten den politisch Verantwortlichen vor Augen, daß ihre Macht begrenzt ist. Wenn immer mehr Bürger zusammenkommen, wird es schwer, Mundschutz- und Abstandsgebote durchzusetzen. Das erklärt die anschließenden heftigen Reaktionen vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien. Auch das empörte wie empörende Kanzlerinnen-Wort von den „Öffnungsdiskussionsorgien“ spiegelt die Furcht vor dem Kontrollverlust wider. Angela Merkel ist es – auch mit Hilfe dieses Wortes – gelungen, die Machthoheit von den Ministerpräsidenten zurückzuerobern.

Um im Kampf um die Sprache zu obsiegen, greifen gewisse Sprachstrategen auf ein altbewährtes Mittel zurück: Sie wählen Bezeichnungen, die auf eine kleine Gruppe von Menschen noch zutreffen mögen. Dann dehnen sie diese auf eine größere Gruppe aus, mit denen sie nicht einer Meinung sind. Dadurch wollen sie sozialen Druck aufbauen, um den weiteren Zulauf zu dieser Gruppe zu bremsen. Ziel ist es, eine Schweigespirale, wie sie Elisabeth Noelle-Neumann beschrieben hat, zum Drehen zu bringen.

Ein Beispiel dafür ist das Wort „Verschwörungstheoretiker“. Wer – wie ich – am 9. Mai an der Nürnberger Lorenzkirche war, um sich ein eigenes Bild von der Demonstration zu verschaffen, begegnete einer bunten Mischung aus Impfgegnern, Grundgesetz-Freunden und vor allem: ganz normalen Bürgern, häufig auch Familien mit Kindern. Wer sich hingegen anderntags aus bestimmten Medien informierte, mußte den Eindruck gewinnen, da hätten sich „Rechtsextreme“ und „Verschwörungstheoretiker“ zusammengerottet. Vielleicht gab es den ein oder anderen, den man dieser Kategorie zuordnen kann. Von einzelnen aber auf alle anderen Versammlungsteilnehmer zu schließen, ist maßlos und unredlich.

Pauschalisierungen und Sprachverrohung vergiften den öffentlichen Diskurs. Der Publizist Hamed Abdel-Samad schreibt auf seiner Facebook-Seite: „Die Unsicherheit der Menschen und die vergiftete Streitkultur führen dazu, daß man gerne nur zwei Lager sieht: Regierungstreue, die den Maßnahmen blind folgen und Verschwörungstheoretiker, die durch ihre Proteste die Gesundheit vieler Menschen gefährden. Doch so einfach ist es nicht.“

Hier wäre nun der Bundespräsident gefragt, um die Spaltung der Gesellschaft zu verhindern. Wir erinnern uns an seinen Amtsvorgänger Johannes Rau, dessen Motto „versöhnen statt spalten“ lautete. Doch Frank-Walter Steinmeier erweist sich hier als Totalausfall. Er kennt nur die Wahl zwischen Aluhut und Mundschutz. Letzterer sei „empfehlenswerter“, erklärte er jetzt in einem Berliner Krankenhaus. Wenn ein Staatsoberhaupt kritische Bürger als Aluhutträger diffamiert, braucht es sich allerdings nicht zu wundern, wenn das Vertrauen in die Corona-Politik schwindet.

von Thomas Paulwitz

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